Keiner weiß, wer "Wasser marsch!" befohlen hat

Plauen Hermann Döbel fuhr vor 30 Jahren eines der Feuerwehr-Tanklöschautos, das mit hartem Wasserstrahl die Demonstranten zurückdrängen sollte. Einer der Demonstranten war Andreas Wagner. Der griff sich einen Pflasterstein und warf das Fenster des Löschautos ein. Am Steuer zusammengesunken Hermann Döbel - geschockt und voller Angst. Am Montag, dem Tag, an dem sich vor 30 Jahren die erste Wendedemo der DDR in Plauen ereignet, wurde ein Stück Geschichte auch menschlich aufgearbeitet.
Die Wehr Plauen lud mit der Jugendherberge in die Alte Feuerwache, um noch mal vor Augen zu führen, was damals geschah. Im Podium sitzen Döbel und Wagner - der Feuerwehrmann und der Steinewerfer. Vor 30 Jahren standen sie auf verschiedenen Seiten. Heute gehört auch Andreas Wagner der Plauener Wehr an, und er und Döbel sind Kollegen, haben Frieden geschlossen. "Leute, die damals gegeneinander waren, haben ihre Gräben zugeschüttet", kommentiert Moderator Jörg Simmat die emotionale Menschengeschichte.
Welche Frage die Leute im Publikum - meist älteren Semesters und vielleicht selbst Demo-Teilnehmer gewesen - immer noch bewegt, ist: Wer hat den Befehl "Wasser marsch!" erteilt? Eine eindeutige Antwort hatten FFW-Chronist Uwe Heinritz, Hermann Döbel und Mike Große, der als Angriffsdruckmann auf dem Auto saß, nicht zu bieten. Es habe einen Befehl gegeben, doch keiner habe gewusst, wo dieser hergekommen sei. Wer den Einsatz damals leitete, wisse man nicht mehr. Fakt sei, dass die Kommandofeuerwehr Plauen der Polizei und damit dem Ministerium des Inneren unterstand. Mit dem Satz "Dies war ein schwarzer Tag für die Kommandofeuerwehr", entschuldigte sich Heinritz dafür, dass die Kameraden sich damals als Befehlsempfänger gegen die Zivilbevölkerung richtete. "Sich hinstellen, und zu sagen: Das mach ich nicht, das ging damals nicht", sagt Mike Große, 1989 erst 20 Jahre alt. Döbel hat seine Konsequenzen nach dem Vorfall gezogen und ist aus der Feuerwehr ausgetreten. Ein Jahr hat er im Forst gearbeitet, ehe er Anfang der 90-er wieder in die Wehr geholt wurde. Beide erklärten, trotz Befehl kein Wasser in ihrem Auto in Gang gesetzt zu haben. Um Verständnis für seine Situation bat der frühere Bereitschaftspolizist Knut Reichmann. Schon vor der ersten Plauener Demo habe er mit Polizeigewalt Unruhen am Chemnitzer Bahnhof auflösen müssen. Kurz drauf sein Einsatz in Plauen. "Ich bin froh, dass es in Plauen friedlich abgegangen ist", so seine Reflexion. An der Richtigkeit des Vorgehens habe er damals nicht gezweifelt. "Die DDR war mein Land. Das waren meine Ideale." cze