Keiler aufs Korn genommen

Ein Mann aus dem Vogtland hat wohl eine Million Schuss abgefeuert und zählt zu den besten Schützen Deutschlands: Weltmeister Thomas Pfeffer hat Silber geholt bei Olympia 1980 in Moskau - mit Weltrekord.

Bad Brambach -  Was? Weltrekord - und nur Zweiter? "Der Sieger Igor Sokolow aus der Sowjetunion und ich hatten 60 Schuss mit dem Kleinkalibergewehr abgegeben - und beide erreichten wir 589 Ringe (von 600 möglichen). Aber er hatte die bessere letzte Serie, das entschied", erklärt Thomas Pfeffer, der von der Disziplin "Laufender Keiler" spricht.
Den Namen gibt es nicht mehr. Tierschützer setzten "Laufende Scheibe" durch - und ab 1992 wurde nur noch mit Luftgewehr und ohne Wildschweinsilhouette geschossen. Und olympisch ist die Disziplin ebenfalls nicht mehr. Pfeffer zufolge waren die Änderungen auch ein Entgegenkommen des internationalen Schießverbandes gegenüber arabischen Mitgliedern.
Der 63-jährige Pfeffer erinnert sich in seinem Bad Brambacher Haus - die Liebe hat ihn ins Vogtland verschlagen - genau an Olympia 1980: Der Schütze sieht in 50 Meter eine "Wildschwein-Scheibe" über eine zehn Meter breite "Lichtung" rennen - die "Zehn" misst sechs Zentimeter im Durchmesser. "Die Schützen haben jeweils nur 5 bzw. 2,5 Sekunden Zeit, um die Waffe hochzureißen, zu zielen und zu schießen. "Insgesamt 60 Schuss an drei Tagen. Vor allem die Nächte zehren an den Nerven."
Pfeffer ist in Thüringen groß geworden, in Suhl. "Ich war schon immer kräftiger und sollte ins Tor beim Fußball. Aber ich wollte nicht. So ging ich zur Arbeitsgemeinschaft Schießen ins Pionierhaus."
Als 13-Jähriger erlebt er die EM im Schießen auf dem Suhler Friedberg und vor allem das Wurftaubenschießen gefällt ihm. "Aber keiner ist da, als mich mein Vater später zum Schießstand begleitet. Weil es bei den ,Keilern‘ knallt und kracht, bringt er mich dorthin. Hat mir nicht gefallen, aber ich bin geblieben - wegen des Zielfernrohrs und wegen meines ersten Trainers Theo Geißenhöner."
Der Junge lernt, blitzschnell vor (!) den Keiler zu zielen - um zu treffen. 1974 bestreitet er den ersten internationalen Wettkampf, wird bester DDR-Schütze. "Ich durfte zur Ostseewoche, siegte, erfüllte die WM-Norm und durfte zur WM in die Schweiz. Ich wurde 15. von 40 - und war stolz."
1975 verpasst Pfeffer die WM in München. "Ein Ring fehlte. Das Leistungsprinzip war knallhart - und trotzdem gefiel es mir. Bei der Junioren-EM (auch in München) wurde ich Dritter."
1976 gewinnt er einen großen Wettkampf in Suhl ("Ich kriege heute noch Gänsehaut") und schafft die Norm für die Olympischen Spiele in Kanada: In Montreal wird er Vierter - mit der gleichen Ringzahl wie der Dritte. 1977 Sieg bei der EM in Bukarest, 1978 Sieg bei der EM in Suhl (mit Weltrekord), 1979 Dritter bei der EM im ukrainischen Lwow, aber die WM in Linz/Österreich geht in die Hose.
Es folgt Olympia in Moskau und Pfeffer verpasst denkbar knapp den Sieg. Wie er schildert, ist die Qualität russischer Schützen unbestritten, aber es wurde versucht, ihn zu disqualifizieren, damit der drittplatzierte Russe aufrückt. "Zum Glück habe ich gemerkt, dass die Waage fürs Gewicht der Waffe fehlerhaft arbeitet."
Während Pfeffer dem Olympiasieg bis heute nachtrauert, schätzt er den zweiten Platz bei der EM 1981 in Ungarn so ein: "Da hatte ich keine Chance gegen den Sieger aus Russland. Der war überragend." Ein paar Monate später kann Pfeffer den Spieß umdrehen - und wird Weltmeister in Argentinien.
Fast alle Ostblock-Sportler dürfen 1984 nicht zu den Olympischen Spielen nach Los Angeles: Der Boykott ist die Retourkutsche der sozialistischen Länder. Pfeffer: "Am schlimmsten war, dass ich sagen musste, ich möchte nicht teilnehmen."
Bei den Wettkämpfen der Freundschaft in Moskau, die als Ersatz veranstaltet werden, belegt Pfeffer den dritten Platz. "Der Olympiasieger von Los Angeles wäre mit seiner Leistung auf Platz 7 gelandet."
Pfeffer überlegt, aufzuhören. Trainer Hans-Jürgen Schorn, der ihm immer eine Riesenhilfe war, überredet ihn zum Weitermachen. 1985 gewinnt Pfeffer in München den 1. Weltcup und wird mit der Mannschaft Europameister. 1988, bei den Olympischen Spielen im koreanischen Seoul verpasst er das Finale.
Was sind die Ursachen für den Leistungsrückgang? "Da kommt einiges in Frage: familiäre Probleme, die Umstellung von Kleinkaliber- auf Luftgewehr, mein Trainer hat aufgehört. Nach 18 Jahren Leistungssport war ich auch müde geworden." Hinzu kommen nach seinen Worten Querelen mit DDR-Funktionären, die persönliche Gründe nicht akzeptieren wollen. Pfeffer scheidet im Unguten, muss Klamotten und Technik innerhalb von 24 Stunden abliefern.
Dann folgen Mauerfall und Wendezeit und die Sorge um den Arbeitsplatz: Büchsenmacher Pfeffer arbeitet im Waffenwerk Suhl. Er schließt sich einem neuen Verein an und holt bei den letzten DDR-Meisterschaften zwei zweite Plätze.
1994 findet er Arbeit in einem Waffengeschäft in Hof - und bleibt 21 Jahre. Nach der Scheidung hatte Pfeffer Lebensgefährtin Petra kennengelernt und war nach Oelsnitz gezogen. Nach langer Krankheit betreibt der EU-Rentner jetzt ein Büchsenmacher-Gewerbe. Außerdem ist er Landestrainer für "Laufende Scheibe" in Bayern und seit 2012 betreut er auch die Besten auf Bundesebene in der nichtolympischen Disziplin. So war er 2018 Betreuer bei der Junioren-WM in Südkorea, wo seine Sportler Gold und Silber holen - "30 Jahre nachdem ich dort bei Olympia gestartet war: Der Kreis hat sich geschlossen."
Doch wegen Corona war jetzt lange Pause. Kann sein, dass vom 20. September bis 6. Oktober WM und EM gemeinsam in Frankreich stattfinden. Wird Pfeffer seinen Olympia-Gegner Sokolow wiedersehen, vielleicht bei der nächsten WM in Moskau? "Ich glaube nicht. Er ist nicht mehr Trainer und geht fischen: Er lebt von den 500 US-Dollar Ehrenrente, die Russland seinen Olympiasiegern zahlt."
Apropos: Was haben DDR-Sportler verdient? "Für meine Tätigkeit im Jagdwaffenwerk Suhl habe ich 700 bis 800 DDR-Mark bekommen. Für Olympia-Silber gab es 12.000 Mark und monatlich 300 Mark - bis zu den nächsten Olympischen Spielen. Und für den WM-Titel habe ich 400 Mark pro Monat erhalten - bis zur nächsten WM." Eine Art Weihnachtsmann habe das Geld übergeben, ohne Unterschrift. Nur wenn beim nächsten Großereignis erneut mindestens der gleiche Erfolg heraussprang, sei die Geldzahlung fortgesetzt worden - bis zum nächsten wichtigen internationalen Wettkampf. "Das war das Leistungsprinzip des DDR-Sports", sagt Pfeffer und zitiert den aus Greiz stammenden Kabarettisten Hansgeorg Stengel: "Wir erziehen die DDR-Sportler zum Siegen - und was machen sie? Sie kehren heim mit zweiten und dritten Plätzen. Strom, Licht und Wasser müsste man ihnen abdrehen." ufa