Kebap und Saarländer

Im Malzhaus Plauen war am Donnerstagabend ein Kabarettist vom alten Schlage zu Gast - Arnulf Rating. Der 67-Jährige widmete sich in gewohnt solider Art dem Zeitgeschehen und hob sich damit wohltuend von den oft wenig hintersinnigen Comedians ab.

Von Ingo Eckardt

Plauen Zum "Malzhaus-Kabarettabend" waren in der Galerie beinahe alle Plätze belegt. Aufgrund des Gastes - eines der medialen Kabarett-Helden der vergangenen Jahrzehnte - verwundert es nicht, dass das Publikum zumeist die "Grauhaar-Grenze" bereits hinter sich gelassen hatte.
Im blauen Samt-Dreiteiler-Anzug kommt Rating auf die Bühne und ist bestens vorbereitet, kennt die eher schlechten Zugverbindungen zwischen Berlin und Mehltheuer. Auf der Bühne verspeist er erstmal ein halbes Hühnchen - er habe seit früh nichts gegessen, entschuldigt sich Rating. Dann startet er "offiziell" ins Programm, das mit typischen Ratingschen Binsenweisheiten gespickt ist. "Natürlich ist Glyphosat schädlich, das sieht man ja bei Bauer sucht Frau" oder "Seit der Landtagswahl in Hessen sind die Volksparteien ohne Volk", macht er es plakativ. Und er sinniert über Vegetarier und "Mustafas Gemüsekebap". Das sei eine Idee von Berliner Marketingstudenten gewesen, um den Veggie-Döner einer kleinen Dönerbude besser zu vermarkten. "Da kommen jetzt die Gemüsefreaks aus Kalifornien geflogen und verbrennen Tonnen CO2, um diesen legendären Kebap zu verkosten, der in jedem Reiseführer vermerkt ist - da steht jeden Tag eine 200 Meter lange Touristenschlange", ist Rating ratlos.
Per Beamer zeigt er die Wahlergebnisse in Plauen auf. "Was ist denn nur los in Plauen - Sie hatten ja einen echt schweren Urnengang", fragt Rating rhetorisch. Die AfD-Stimmen stellt er mit braunem Balken dar, statt dem sonst blauen. Danach schaut er in die große Politik - erzählt von der megabegabten Ursula von der Leyen, von einem zweigeteilten Land, von unglaublich starken Grünen, einer erstaunlicherweise erstarkenden FDP. "Die machen irgendwann mal mit der AfD eine gelb-braune Bananenkoalition", hat Rating die Lacher auf seiner Seite. Auch Klimawandel musste natürlich thematisiert werden. "Der letzte Sommer war doch klasse, dafür sind wir jahrelang Auto gefahren", stellt Rating fest und geißelt das jüngste Klimapaket als "aus lauter heißer Luft gemacht". Dies mache die globale Klimaerwärmung ja aber nur noch schlimmer.
Auch sein Markenzeichen, eine umfängliche Presseschau, kommt nicht zu kurz. Neben einer Lokalzeitung kommen auch bundesweite Zeitungen mit ihren oft zu augenfälligen Schlagzeilen ins "Bild", die sich gerne auch mal widersprechen und immer geeignet sind, Ressentiments zu schüren. Und weiter geht‘s im Text: Themen wie die (wohl nur vordergründige) Trennung von Staat und Kirche, den gigantischen Politikerausstoß des Saarlandes sorgen für manch erstickten Lacher im Publikum. "Das ist schon irgendwie beängstigend, das ist gefühlt kleiner als das Vogtland, wir haben trotzdem vier Minister von da. Das ist quasi das Nordkorea des Westens.
Erhalten hat er sich seine pazifistische Grundhaltung: Er sinniert über den allgegenwärtigen Konflikt in Nahost. "Kernfrage ist ja, wie kommt unser Öl unter deren Sand", lästert er und die Lacher bleiben im Hals der Besucher stecken. Auch Greta Thunberg taucht auf: "Die ist ja mit einem Segelschiff nach Amerika gefahren. Ich dachte ja eigentlich, die geht zu Fuß über den Atlantik. Das Mädel ist ja so eine Mischung aus Mutter Theresa, Jeanne d‘Arc und einer bezopften Pippi Langstrumpf", ist Rating herrlich politisch unkorrekt.
Für die Probleme unserer Zeit macht er eine Grundlage aus: Arbeit! "Alle Probleme der Welt ob Plastik oder Feinstaub entstehen durch Arbeit. Wir müssen aufhören damit", so Rating, der folgerichtig erst mal eine Pause einlegt. Danach verflacht sein Programm ein wenig, das Einkaufsverhalten der Menschen, die Terroristen im Deutschen Herbst, die SS-Historie früher Richter der BRD thematisiert er ebenso wie den Einfluss von Anzeigenkunden auf den Journalismus. Ein Großteil des zweiten Teils nimmt ein weitgehend unbekannter Autor des Buches "Propaganda" ein. Der Mann hinter dem Buch ist der österreichisch-amerikanische PR-Profi Edward Burnays. Sein Standardwerk diente nicht nur den Nazis als Blaupause für ihre gezielte Öffentlichkeitsarbeit zur Gleichschaltung der Medien. Es machte ihn zum ersten PR-Mann der Geschichte, fürstlich bezahlt von Auto- und anderen Konzernen sowie der amerikanischen Politik. Eine Zugabe hielt der Kabarettist auch bereit - denn einmal kehrte er nach seinem Abschied auf die Bühne zurück - als Krankenschwester von Arnulf Rating und Angela Merkel heischte er um Verständnis für die zwei Kranken.