Karsten aus Plauen wurde zu Tode geschüttelt

Plauen - Der kleine Karsten starb an einem Schütteltrauma - hervorgerufen von den Misshandlungen, die Jürgen Sch. dem Zweijährigen seiner Lebensgefährtin Sandra Sch. zufügte. Das ist das Ergebnis der Obduktion, über die Gutachterin Prof. Dr. Gitta Mall am Donnerstag vor dem Landgericht Zwickau aussagte.

 

Nur der Mutter treten ab und an Tränen in die Augen, wenn die Gutachterin vom Institut für Rechtswissenschaft in Jena, Prof. Dr. Gitta Mall, über Details der von ihr durchgeführten Obduktion des kleinen Karsten spricht. Der der tödlichen Misshandlung des Zweijährigen angeklagte Jürgen Sch. zeigt keine Regung. Überhaupt scheinen beide sichtlich Mühe zu haben, der Verhandlung zu folgen, zumindest wenn es um schwierigere Zusammenhänge geht. Exakt 18.50 Uhr am 14. Juli dieses Jahres endet das Martyrium des Kindes, schrecklicherweise auch sein Leben. Die Ärzte stellen seinen Hirntod fest. Wie es dazu kam, welche unglaublichen Verletzungen sein kleiner Körper noch aufwies, das beinhaltet der Obduktionsbericht.

Die ersten Untersuchungen fanden bereits durch Ärzte des Helios Vogtland-Klinikums einen Tag vorher statt. Gegen 23 Uhr war der Junge per Rettungswagen aus der Wohnung in der Albin-Enders-Straße in das Klinikum gebracht worden. Während er bei der Abfahrt noch selbst atmete, war er bei der Ankunft bereits ins Koma gefallen, gibt die Gutachterin den Bericht der Plauener Kollegen wider. Noch in der gleichen Nacht wird Karsten aufgrund seiner schwersten Verletzungen in die Uni-Klinik Jena geflogen. Doch zu retten ist der Kleine nicht mehr.

Die Liste der bei seiner Obduktion festgestellten Verletzungen scheint endlos und verursacht Gänsehaut. Verletzungen an Stirn, Kopf und Augen, Hämathome an beiden Ohren, im Gesicht und selbst im Mund, sichtbare Gewaltspuren an den Schultern, der Brustwirbelsäule, von den Lenden abwärts das gesamte Gesäß einnehmend, Verletzungen an den Hoden. Ein Bündel des Elends und der Schmerzen, und selbst die Gutachterin vermag nicht zu sagen, ob alte Frakturen von neuen "überlagert" waren.

Lediglich sicher ist, dass ihm die Verletzungen bis mindestens drei Tage vor seinem Tod zugefügt wurden. Sicher ist auch die eigentliche Todesursache: Ein so genanntes Schüttel-Trauma, das zum Reißen von Hirnzellen führt und in der Folge zu einem extremen Hirn-Ödem, einer Hirnschwellung. Die ebenfalls festgestellten beidseitigen Blutungen des Sehnerves deuten zudem darauf hin, dass der Junge besonders brutal geschüttelt wurde.

Bei dem, was die Gutachterin im Dienst der Wahrheitsfindung weiter ausführt, möchte man am liebsten weghören. Denn ein Schütteltrauma ist eigentlich für kleinere Kinder in den ersten Lebensmonaten am gefährlichsten, weil die Nackenwirbel noch nicht gefestigt sind. Werden sie, so bedrückende wissenschaftliche Studien, bis zu zehn Sekunden zehn bis 30 mal geschüttelt, kann das tödlich sein. Um wie viel brutaler also muss Jürgen Sch. im Falle von Karsten vorgegangen sein. Weniger wahrscheinlich sei, so die Gutachterin, dass der Tod durch Aufprallen auf Gegenstände verursacht wurde, wie das Kind auch keinerlei innere Verletzungen aufwies. Die ebenfalls festgestellte Augenblutung könne dagegen durch stumpfe Gewaltanwendung, beispielsweise Fäuste, hervorgerufen worden sein. Staatsanwalt, Gutachter, Verteidigern und Schöffen werden Bilder des misshandelten Jungen vorgelegt - was im Kopf des Mannes vorgeht, der das abgebildete Grauen zu verantworten hat, bleibt ungewiss.

Vor der Aussage der Gutachterin wurde am Morgen ein ehemaliger guter Bekannter der Kindsmutter Sandra Sch., der Plastefacharbeiter Ralf André in den Zeugenstand gerufen. Er scheint der psychisch kranken 32-Jährigen eine Stütze gewesen zu sein, zumindest stellt er sich selbst so dar. Immer wieder bricht er in Schluchzen aus, wenn er sich an die Zeit mit Sandra und dem Jungen erinnert. Sie sei eine sehr liebevolle Mutter gewesen und habe ihm gegenüber mal geäußert, wenn dem Kleinen was passiere, nehme sie sich das Leben. Bis Ende April waren die beiden über zwei Jahre mal mehr, mal weniger ein Paar, dann trennten sich ihre Wege. Oft sei man gemeinsam mit dem Kind spazieren gegangen, immer habe Sandra den Kleinen getröstet, wenn der mal traurig war und ihm auch viele Geschichten vorgelesen. Blaue Flecke, so der Vertraute, habe er nie wahrgenommen. Ausführlich spricht er auch über die Ängste und Erschöpfungszustände von Sandra. "Wenn sie Angst hat, ist sie wie weg und zittert nur noch", hatte er bei der Polizei ausgesagt.

Diese krankhafte Angst, wegen der sie sich unter anderen in psychiatrischer Behandlung befindet, ist es auch, die sie den jeweiligen Partnern gegenüber so hilflos mache. Sandra habe sich bei einem Streit keinen Widerspruch erlaubt, sagt André. Und so nahm das letztlich tödliche Verhängnis wohl auch im Falle des angeklagten Jürgen Sch. seinen Lauf. Nachdem der Beamte, der Sandras Mutter vernommen hatte, als Zeuge ausgesagt hatte - die Großeltern von Karsten hatten von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht - wurden beide Angeklagten zu ihrer Person befragt. Der 37-jährige Jürgen Sch. aus einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen wuchs mit insgesamt 14 Geschwistern und weiteren Onkeln und Tanten auf, wie er sagt. Einige hätten hin und wieder im Haushalt gelebt, andere nicht, erinnert er sich. Seine leibliche Mutter sei auch zugleich seine Schwester, gibt er an, und der Beobachter macht sich ein eigenes Bild von der Kindheit des Angeklagten. Jürgen Sch. hat die Sonderschule absolviert, arbeitete jahrelang in Hilfsjobs und ist seit vier Jahren arbeitslos. Seine privaten Schulden beziffert er auf etwa 12 000 Euro, vor allem resultierend aus Katalogbestellungen.

Wie ihre Internetbekanntschaft besuchte auch Sandra Sch. eine Förderschule für Lernbehinderte, einen Lehrgang als Hauswirtschafterin steht sie nicht durch und arbeitet seither in der Behindertenwerkstatt der Lebenshilfe als Näherin. Auch sie hat Schulden, wie viel genau, weiß sie nicht. Aus ihrer Kindheit berichtet sie, von Gleichaltrigen oft gehänselt und auch geschlagen worden zu sein. Ihr Anwalt Andre Steuler beantragt, als Zeugin für den liebevollen Umgang seiner Mandantin mit ihrem Sohn die Familienhebamme zu hören. Herbert Posner, Anwalt von Jürgen Sch., wirft dem Vorsitzenden Richter eine "sehr einseitige" Sicht bei der Einladung von Zeugen vor und beantragt, Personen aus dem früheren Umfeld seines Mandanten zu hören. Beide Anträge wurden vom Vorsitzenden Richter Klaus Hartmann abgelehnt. Der Prozess wird heute fortgesetzt mit dem Gutachten des Psychologen Dr. Stephan Sutarski von der Uniklinik Dresden. tp