Kandidaten auf dem heißen Stuhl

Wie heißt der nächste Oelsnitzer Oberbürgermeister? Die Wahl am Sonntag, 17. März, entscheidet - für sieben Jahre. Vier Bewerber stellten sich Donnerstagabend den Fragen beim Bürgerforum im Sprach- und Kommunikationszentrum. Konnte sich die Wählerschaft ein Bild machen?

Von Renate Wöllner 

Oelsnitz -  Es brodelte beim Bürgerforum der Freien Presse im Saal, den mit seiner Galerie rund 300 Leute füllten. Volles Haus. Moderator Jan Meinel sorgte mit überraschenden Volten aber immer wieder für Lacher. 
Unterschiedliche Akzente setzen die Kandidaten bei ihrer Vorstellung. Noch viel ungenutztes Potential sieht Marketing-Manager Robert Reißner (35), der für Die Linke antritt, bei der Außendarstellung der Stadt. Der Plauener würde die Aufholjagd beim grünen Marketing beginnen. Andreas Bukschat (56), Unternehmer aus Adorf, den Freunde in die Bewerbung "geschubst" haben, will als Christ für Aufrichtigkeit, Transparenz und gutes Miteinander sorgen, damit Oelsnitz in 15 bis 20 Jahren besser dasteht als heute. "Wollen wir das nicht alle?", kontert Amtsinhaber Mario Horn (CDU). 
Er streicht die Kompetenz von Bürgermeister und Verwaltung bei der Ansiedlung von Investoren heraus. LuB-Stadtrat und Kfz-Ingenieur René Buze (47) tritt an, um den "Verfall der Innenstadt" zu stoppen. 
Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Oewog sei gefordert, "zusätzlich Häuser zu kaufen und zu sanieren". Horn schildert, wie schwer es ist an die Privatbesitzer "ranzukommen, "von 27 angeschriebenen meldeten sich vier". Redakteur Tino Beyer stößt nach. Würde die Stadt bei der leerstehenden Gaststätte neben dem Rathaus ein Risiko eingehen? Horn sieht anderes dringlicher. Die Oewog, deren Bestand sich vor allem auf das Neubaugebiet konzentriert, müsse Balkone und Aufzüge bauen und für Barrierefreiheit sorgen. 
Ideen für die Belebung der Innenstadt? "Wir haben keinen Königsweg", gesteht Horn. Die Neugestaltung des Altschuldengesetzes fordert Bukschat. Eine von Schulden befreite Oewog könne Immobilien aufkaufen. Doch das fällt in den Bereich der "großen" Politik. "Die Schaufenster schön gestalten, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung", findet Reißner, der bei der Sauberkeit "schon schlimmere Städte als Oelsnitz erlebt hat". Beim Bauhof scheiden sich die Geister. Der könne bei der Stadt schlagkräftiger agieren als bei den Stadtwerken, meint Buze. "Schnell wieder bei der Stadt ansiedeln", will ihn Bukschat. "Das untersuchen wir", sagt Horn. Den Durchgriff habe man so und so. 
Bei den Schulden im Haushalt hat sich Beyer schlau gemacht. 7, 3 Millionen Euro Miese standen Ende 2018 zu Buche, im neuen Doppelhaushalt solle ein weiterer Kredit von 2,45 Millionen Euro aufgenommen werden. Für Horn kein Widerspruch. In zinslosen Zeiten will er - statt Rücklagen zu bilden - lieber sinnvoll investieren, zum Beispiel in den Abriss der Halbmond-Brache. Aus aktuellen Einnahmen könne die Stadt diese Schulden niemals tilgen, warnt Buze. Eine Steilvorlage für Horn: "Mit dir hätte der Haushalt besser ausgesehen. Den Steg und die Eisbahn hätte es mit dir nicht gegeben", kontert der OB. Auch beim Ausbau der "Costa Pirk" - wo als erster Schritt erst mal ein vernünftiges Klo gefordert ist, setzt er sich von Buze ab. Der will "erst die Kitas fertig bauen, dann die Talsperre". "Solange können wir nicht mehr warten, sagt Horn. Bei der Naherholungs GmbH müsse die kommunale Ebene mit an den Tisch. Seine Hand strecke er nach Weischlitz aus. "Wir müssen uns der Sache zeitnah widmen, um Fördermittel zu kriegen", meint er. 
Um die Wirtschaft zu beleben, will Bukschat "neue Wege gehen". Nach der Wende hat Oelsnitz öffentliche Ämter verloren und damit einen Bedeutungsverlust hin zur "Schlafstadt" erlitten. Der Adorfer will wieder Einrichtungen holen - aus Berlin oder Brüssel. Ungläubiges Gelächter beim Publikum. 
Die Bürgerdiskussion eröffnet Thomas Stöhr aus Taltitz. Werden die sechs Ortsteile weiterhin das fünfte Rad am Wagen sein? Die Ortsteile sehen sich zu oft als Bittsteller, kritisiert Beyer. Bei der Verbesserung der Beziehungen sieht Horn "Luft nach oben". Resignation hat Bukschat in Gesprächen erlebt, die Bürgerbeteiligung in Oelsnitz findet er mäßig. Gegen "Politikverdrossenheit" spreche die Beteiligung im Saal, hält Gunter Dittmar dagegen. Doch auch er vermisst Formen, die Bürger einzubeziehen. "Wo ist der Stadtrundgang geblieben, was ist mit den Ergebnissen?, fragt er. Christine Wöllner spricht Buze an, wie er als Stadtrat die Menschen zu mehr Engagement für Ordnung und Sauberkeit bewegt. Die Antwort ist allgemein: Er kommuniziere wie alle Stadträte mit den Bürgern. Für Meinel klingt das nach einem Mitmach-Defizit. "Der Bürger muss merken, dass er mitbestimmen kann", erklärt Reißner. 
"Wir haben im Wahlprogramm sehr viel umgesetzt, was nicht auf Initiative von Buze entstanden ist, er blockiert Dinge, die wir anschieben", polemisierte Klaus Knüpfer (CDU), 1. stellvertretender Bürgermeister. Er wolle die Jugendarbeit stärken und spreche sich doch gegen die - mittlerweile sehr erfolgreiche - Eisbahn aus. 
Als er aufzählt, wogegen Buze je im Stadtrat gestimmt hat, geht Beyer dazwischen. "Das ist nicht ganz fair", stoppt ihn der Redakteur. Buze gehöre zu den Stadträten, welche Dinge kritisch hinterfragen, solche Leute brauche jeder Stadtrat. Das Publikum quittiert mit viel Beifall. Er habe eine Eisbahn mit Perspektive gewollt, keine Mietlösung für 85 000 Euro, nimmt Buze Stellung. Wie zum Beweis für ein "Wahlgeschenk" des Oberbürgermeisters verweist er auf den Doppelhaushalt, wo für die kommenden zwei Jahre keine Eisbahn vorgesehen sei. Doch Horn will erst nach Kassensturz entscheiden, ob aus der Eisbahn - "tolle Aufwertung für den Elstergarten"- eine dauerhafte Sache wird. 
Von einem bunten Abend, vielfältig und informativ, spricht ein Oelsnitzer beim Aufbruch. Noch unschlüssig, wen er wählt ist Frieder Jäckel. "Ich hätte mir Klarheit gewünscht", sagte der Geschäftsmann. Dr. Berthold Geier vermisste Aussagen, wie die Jugend gehalten werden kann. "80 bis 90 Gymnasiasten verlassen jedes Jahr die Stadt, ich hätte gern gehört, welche Chancen ihnen Oelsnitz bietet für die Rückkehr", sagt er.