Kampfansage aus Neumark

Bei Alstom in Neumark steht den Mitarbeitern das Wasser bis zum Hals. Deshalb trafen sich 80 aufgebrachte Beschäftigte Donnerstagnachmittag zu einer außerordentlichen Betriebsversammlung vor dem Werktor.

Neumark - Mit Pfiffen und markigen Worten ließen sie durchblicken, dass sie die Firmenstrategie der Konzernleitung in Frankreich, die ihre Arbeitsplätze massiv gefährdet, nicht kampflos hinnehmen werden. Auslöser der Kampfansage war ein Zeitungsbeitrag, in der die Konzernleitung das Aus des produzierenden Bereiches am Standort Neumark verkündete. Die Leute nehmen es den Chefs übel, dass sie ihnen nicht offen und ehrlich sagen, wie es mit ihnen weiter geht. Seit Monaten betteln die Beschäftigten darum, ohne dass sich auch nur einer der Chefs bei ihnen hat blicken lassen. Dass sie Einzelheiten der Schließungspläne jetzt aus der Zeitung erfahren mussten, brachte das Fass zum Überlaufen.

Dass es um den Standort Neumark nicht rosig aussieht, war den Leuten durchaus bewusst. Schließlich verließ vor einigen Tagen das letzte große Kesselelement den Betrieb in Richtung Baltikum. Neue Aufträge fehlen. Während die Konzernleitung die Energiewende dafür verantwortlich macht, vermuten die Neumarker Managementfehler. "Eventuell hat in der Konzernzentrale jemand Scheiße gebaut", sagte Gewerkschaftssekretär Jörg Brodmann. Er könne sich nicht vorstellen, dass es auf der ganzen Welt keine Aufträge für Alstom Neumark gebe. Zudem äußerte er am Donnerstag den Verdacht, dass Neumark in den letzten Monaten bei der Auftragsvergabe vernachlässigt worden sei. "Das ist schäbig", rief Brodemann den Mitarbeitern zu.

Betriebsratsvorsitzender Lutz Frank erinnerte an die Rettungsaktion des Alstom-Werkes Salzgitter vor zwei Jahren. Dort sollten 700 Stellen abgebaut werden. Solidarisch beteiligten sich im Mai 2011 auch Kollegen aus Neumark an der Großdemo von über 5000 Menschen. Der Kampf hat sich gelohnt. Es wurden fast keine Stellen abgebaut. Und auch Aufträge konnten wieder an Land gezogen werden. "Wir sind das Kämpfen gewohnt", rief Frank und kündigte an, Leiharbeiter und Mehrarbeit in Zukunft abzulehnen.

"Wir geben nicht auf. Wir werden um die Zukunft von Alstom Neumark kämpfen und notfalls auch eigene Ideen liefern", machten die beiden Gewerkschafter Brodmann und Frank den Leuten Mut und forderten sie zur Gegenwehr auf. Schließlich agiere Alstom auf mehreren Betätigungsfeldern, so dass die Energiewende nicht immer wieder zur Rechtfertigung von Betriebsschließungen herhalten dürfe. Die Betriebsversammlung wurde nach einer halben Stunde unterbrochen und soll am 19. November weitergeführt werden. Dann erwartet man in Neumark auch einen der Chefs persönlich.