Kaiserin trägt nur Unterwäsche

Die Theaterherbst-Ganzjahreswerkstatt brilliert in Greiz mit der Parabel "Der Kaiserin neue Kleider".

Von Karsten Schaarschmidt

Greiz Der Staat liegt brach. Das Volk darbt. Selbst das Militär befindet sich in einem bemitleidenswerten Zustand. Und alles nur, weil die Kaiserin nichts anderes als ihre Kleider im Kopf hat. Erst recht, als ihr zwei Gauner ganz besonderes Tuch und exquisiten Fummel versprechen. Mit ihrer Fassung der 1837 veröffentlichten Parabel "Des Kaisers neue Kleider" von Hans Christian Andersen feierte am Samstag die Ganzjahresschauspielwerkstatt des diesjährigen Theaterherbstes in der Vogtlandhalle Greiz ihre umjubelte Premiere. Die gut 60 Gäste erlebten ein kräftiges, kurzweiliges und unverändert aktuelles Stück Volkstheater.
Dass aus dem Kaiser im Original nun eine Kaiserin wurde, tut nichts zur Sache. Es geht um den Inhalt, die Aussage und die Charaktere, die von den Mitwirkenden unter der Regie von Martin Heesch, Berlin, entwickelt werden. Alle Figuren bewegen sich in einem schlichten Bühnenbild, das nur aus einem mit verschlissenen Gardinen bespannten Paravan und ein paar weiteren Utensilien besteht. Dieses, von der Berliner Bühnenbildnerin Julia Kopa entworfene Interieur genügt, um, ins rechte Licht gesetzt, im Kopfkino mal einen heruntergekommenen Palast, mal eine Straßenszene oder die Gemächer der Kaiserin aufflackern zu lassen.
Dort agieren die Figuren und leben ihre sicher zugespitzten Charaktere aus: die hochnäsige Kaiserin, Laura Adler brillant als schnepfige Monarchin, mit ihrer ersten Staatsekretärin, Sabine Petri ausdrucksstark als Intrigantin, und dem zweiten Staatssekretär, Marko Nachsel gewandt als schmieriger Neider. Nun, zum Geburtstag der Monarchin wollen zwei Gauner, virtuos und urkomisch dargestellt von Hans-Michael Steinberg und Heinz Wüst, den Kleiderwahn der Kaiserin auf besondere Weise und zum eigenen Vorteil befriedigen. "Wir weben nichts aus Nichts", sagen sich die Ganoven und verbreiten, dass die von ihnen kreierten Gewänder nur sichtbar für die sind, die nicht dumm und ihres Amtes würdig sind. Für Unmengen Gold, Platin und reichlich Speis‘ erschaffen die selbsternannten, in "Paris, New York und Plauen" studierten Modeschöpfer für die Kaiserin erlesenes Tuch mit Mustern in "kubisch-tetraedischer Pyramidenform" und verziert mit "intergalaktischen Hexaedern, die in das Quadratisch-Runde übergehen". Und erst die Farben: "ultrarotrubin mit azurhimbeerblau und lauchgrün."
Dass freilich die Sachen überhaupt nicht existieren, verschweigen Kaiserin und Hofstaat wohlweislich, will doch keiner als dumm oder seines Amtes unwürdig erscheinen. Auch das Volk, mit Schmackes und Ausdruck gespielt von Stephanie Albert, Katharina Leske, Sophie Morgenroth, Gisela Sengewald und als Gast Julia Kopa, macht das Spiel mit. Erst der blinde, kaiserliche Bauamtsleiter, Maxe Baumann, kraftvoll-radikal dargestellt vom auch im realen Leben blinden Holger Springer, bringt das Lug-und-Trug-Gebilde zum Einstürzen. "Ja, seid ihr denn alle blind, die Kaiserin trägt nur Unterwäsche!"
Mit der mit großartiger Spielfreude und Authentizität der Figuren dargestellten Parabel zaubert das Ensemble nicht nur humorvolle Unterhaltung, vielmehr zeigen die Spieler unvermindert existierendes Duckmäusertum und Speichelleckerei in allen sozialen Ebenen auf. Zugleich ist das Stück ein eindringlicher Appell an die Ehrlichkeit jedes einzelnen und Aufforderung sich selbst zu hinterfragen, inwieweit persönliche Vorteile oder Karriereaussichten zur Lüge verleiten. Dass sich außerdem zahlreiche Parallelen zum politischen wie gesellschaftlichen Hier und Jetzt offenbaren, ist ein manchmal erschreckender Effekt der minutenlang vom Publikum mit Applaus bedachten Inszenierung.