Kältebetrieb spendiert Eisbär

Einer der bekanntesten Ost-Berliner zu DDR-Zeiten? Der sächselnde Tierparkdirektor Heinrich Dathe! Manche bezeichnen den 1910 in Reichenbach geborenen Vogtländer als "Grzimek des Ostens", als Reverenz an den berühmten Zoodirektor aus Frankfurt am Main, der halb Deutschland für den Tierschutz sensibilisiert hat.

Reichenbach - Genauso berechtigt wäre, Grzimek "Dathe des Westens" zu nennen, sagt Dr. Wolfgang Viebahn. Er hat ein Büchlein geschrieben, eine Würdigung des Reichenbacher Ehrenbürgers - als Tierparkdirektor und Wissenschaftler, als Familienvater und Mensch. Die "88 humorvollen und nachdenklichen Geschichtchen" liefern Stoff für die Antworten eines fiktiven Interviews mit dem vor 30 Jahren in Berlin verstorbenen Meister. Also los:

Herr Professor Dathe, Sie sind Ehrenbürger von Reichenbach, tragen zig Orden und Ehrungen, sind Mitglied in internationalen Akademien und Wissenschaftsvereinigungen. Welche Auszeichnung ist Ihnen die liebste?
Dathe: An meine erste Würdigung habe ich immer mit Stolz gedacht: Mit 20 wurde ich zum Korrespondierenden Mitglied des 1876 gegründeten Naturkundevereins zu Mylau ernannt, weil ich 1931 der zoologischen und insbesondere der ornithologischen Sammlung des Vereins zu neuem Glanz verholfen hatte.

Nach Glanz und Gloria hatten Ihre ersten Kontakte zu den Museen in Reichenbach, Mylau und Plauen Ende der 1920er Jahre nicht ausgesehen, oder?
Ich war ein junger Kerl, spontan und direkt. Die Ausstellungen waren zum Teil grauslich: Zerschlissene Bälge, schmutzige Präparate, fehlende Glieder, schlechte Beleuchtung, kaum Platz. Das musste mal gesagt werden, hat aber keine Freude ausgelöst. In Reichenbach habe ich die Sammlung überarbeitet. Auch die Mylauer beruhigten sich nach meiner Kritik - und ich durfte helfen. Zur Belohnung bekam ich 100 Mark und wurde Korrespondierendes Mitglied.

Stimmt es, Ihr erster Zeitungsartikel wurde abgelehnt?
Ja, "Gäste aus der Vogelwelt im Vogtland" wurde nicht angenommen. Vier Tage später, am 6. September 1929, war ich jedoch erfolgreich: "Die Vogelwelt in und um Reichenbach" wurde gedruckt. Im Laufe der Jahre folgten etwa 1000 Artikel, ich habe Bücher geschrieben, Zeitschriften herausgegeben.

Stimmt der Eindruck, dass Sie vor allem im Interesse des Tier- und Naturschutzes die Öffentlichkeit gesucht haben?
Kann man so sagen. Die Radioreihe "Im Tierpark belauscht" lief von 1957 bis 1990 - 1747 Sendungen. Und auch der "Tierpark-Tele-Treff" war mehr als 300 Mal ein Renner im DDR-Fernsehen - mit der bildhübschen Ansagerin Annemarie Brodhagen, die mir zugeordnet worden war.

Was hat Sie eigentlich zum Tierfreund werden lassen?
Ich bin in Reichenbach geboren, ging hier zur Schule. Als Siebenjähriger habe ich mit roten Ohren "Brehms Tierleben" verschlungen. Als ich 14 war, zog unsere Familie nach Leipzig. Aber in den Ferien war ich immer bei der Reichenbacher Oma zu Besuch - die tollste Zeit meiner Kindheit. Und 1928, ich war 18, ging ich hier auf meine erste vorösterliche Exkursion in Richtung Schneidenbach. Dort beobachtete ich ein Bergfinken-Männchen: Das satte Orange seines Körpers und das Tiefschwarz seines Kopfes haben mich wohl zum Ornithologen werden lassen. Bis 1932 habe ich mehr als 110 Exkursionen in der Region unternommen - etwa jeden zweiten Ferientag eine.

Hatten Sie in der Jugend nur Augen für Natur und Tiere?
Ich war ein guter Unterhalter, ging gern zum Tanzen, liebte schicke Kleidung und Schuhe. Nicht selten bin ich erst spät in der Nacht heimgekommen.
Haben Sie dabei Ihre Frau kennengelernt?
Das war viel später, 1940 im Lazarett in Bad Elster, im Wettiner Hof: Mir war an der Front der Oberarm durchschossen worden. Krankenschwester Elisabeth Friedrich aus Gettendorf bei Adorf ließ mich aber zuerst abblitzen. 1943 haben wir geheiratet. Unsere drei Kinder sagen über ihre Mutter: Sie war mit ihrer praktischen Klugheit meine wichtigste Gesprächspartnerin, mein Gewissen und guter Geist, das Zentrum unserer Familie.

Sie haben Biologie in Leipzig studiert und promoviert. Wollten Sie Tierparkdirektor werden?
Daran hatte ich nicht im Entferntesten gedacht, Zoos hielt ich für Tiergefängnisse. Aber der Leipziger Zoodirektor Prof. Dr. Karl Max Schneider belehrte mich eines Besseren. Als sich später die Chance bot, einen Tierpark nach meinen Vorstellungen aufzubauen, musste ich zugreifen: Ich wollten den Berliner Tierpark nach völlig neuen Prinzipien als eine Einrichtung für Tiere und Menschen gestalten.

Sie waren nicht in der SED, widersetzten sich beim Elternabend Ihres Sohnes der Aufforderung, sich per Unterschrift zu verpflichten, kein Westfernsehen zu schauen. Waren Sie in der DDR unangreifbar?
Ich war als junger Mensch in der Nazipartei gewesen und hatte von Parteien die Nase voll. Das hat mich aber nicht gehindert, mich mit aller Kraft für den Tierpark einzusetzen. Mein internationales Ansehen hat dabei sicher geholfen. Und das Westfernsehen? Mein Beruf verlangte, mich umfangreich zu informieren. Das ging ohne internationale Zeitschriften und Westsender nicht.

Sie haben einen Tierpark aus dem Nichts aufgebaut.
Das ging zunächst nur durch die Unterstützung vieler Berliner in freiwilligen Arbeitsstunden. Der VEB Kältetechnik spendierte einen Eisbären, das Schwermaschinenkombinat einen Elefanten. Die Stadt Straußberg zahlte einen Strauß und eine Fabrik für Schlafzimmermöbel ein Paar Störche.

Und die Stasi, das Ministerium für Staatssicherheit?
Die hießen im Volksmund ja "VEB Horch und Guck" - von denen bekamen wir 2 Brillen-Bären.

Man sagt, Sie hätten ihre Mitarbeiter angeschnauzt?
Ja, bei Faulheit und Schlamperei oder wenn ein Tier zu Schaden kam. Auch Unpünktlichkeit hasste ich und hielt einiges auf die Etikette.

Es war die Zeit des Kalten Krieges, der Ost-West-Auseinandersetzung. Wie war Ihr Verhältnis zum Direktor des Westberliner Zoos?
Wir waren Konkurrenten: Der Zoo im Westteil Berlins war der reichste und bedeutendste in Westdeutschland und Direktor Klös ein hervorragender Organisator. Ich war mehr Fachmann und besser eingebunden in das Zoogeschehen, auch international. Ich habe mich diebisch gefreut, als ich Direktor Klös einmal bei einem Besuch in unserem Tierpark "Klößchen" auftischen konnte.

Das Ende der DDR wäre fast das Ende des Tierparks Berlin gewesen?
Die Stadt Berlin würdigte anlässlich meines 80. Geburtstages am 7. November 1990 meine Verdienste. Die Pläne, aus dem Tierpark einen "Hirschgarten" zu machen, konnte ich zum Glück abwenden.

Nachbemerkung: Einen Monat später wurde Dathe in dem seit Jahrzehnten bewohnten Diensthaus am Tierpark die Dienstwohnung gekündigt - er sollte innerhalb dreier Wochen ausziehen. Am 6. Januar 1991 starb Dathe, von schwerer Krankheit gezeichnet. Zu seiner Beerdigung kamen mehr als 3000 Berliner und andere Freunde des Berliner Tierparks. ufa

Buchtipp: Dr. Wolfgang Viebahn:
"Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Dathe - Vom Reichenbacher Stadtkind zum Tierparkdirektor in Berlin. 88 humorvolle Geschichten" - in den Buchhandlungen in Reichenbach, Lengenfeld und Greiz sowie telefonisch über 03765-15067.