Jungs sind heiß aufs Schlagzeug

Plauen - Von ganz oben ist auf dem Klavier "Brüderchen, komm tanz mit mir zu hören". Die Freude des Darbietenden dabei ist zu spüren. Eine Etage tiefer übt ein Kind die Tonleiter, was hörbar weniger Freude bereitet. Vor dem Probenraum sitzt eine Gymnasiastin, die auf ihren Gesangsunterricht wartet. Sie muss in diesem Jahr in Leipzig an der Musikhochschule vorsingen. Ihr großes Vorbild ist die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli. Bei dem Namen kommt sie ins Schwärmen. Daneben sitzt eine Achtjährige, mit einem Zeichenbuch in der Hand, die sich vom ganzen Drumherum nicht stören lässt, während im Treppenhaus mehrere Eltern mit ihren Kindern unterwegs sind.

  Musikalische Früherziehung    Es herrscht quirliges Leben im Vogtlandkonservatorium an diesem Nachmittag. Und dieses quirlige Leben herrsche das ganze Jahr über in seinem Haus, unterstrich der Leiter des Vogtlandkonservatoriums, Friedrich Reichel, der gleichzeitig auch allen anderen städtischen Kultureinrichtungen vorsteht. Rund 1100 Mädchen und Jungs nutzen diese städtische Einrichtung unweit des Vogtland Theaters. Darunter sind über ein Viertel Kleinkinder in der musikalischen Früherziehung. Ein Aspekt, auf den der Gesprächspartner sehr stolz ist. Könnte doch so auch der künftige Musikschülernachwuchs gefunden werden. Nach wie vor gelte die Blockflöte als Einsteigerinstrument, um später ein weiteres zu erlernen. Derzeit gebe es hierfür 65 Musikschüler, hinzukommen noch 50 Querflötenspieler. Zumeist beträfe das Mädchen. Generell sei aber das Klavier der Renner. Immerhin nutzen 160 Klavierschüler derzeit das Angebot des Vogtlandkonservatoriums. Gewisse Sorge bereitet Reichel die nicht ganz so ausgewogene Instrumentenwahl der Musikschüler: "Derzeit könnten wir kein Blasorchester bilden." Insbesondere Oboe, Tuba und Fagott seien völlig out. Und das Horn lockt auch nur einen Musikschüler. Ganz hoch im Kurs, insbesondere bei den Jungs, die insgesamt 40 Prozent aller Musikschüler ausmachen, stehe das Schlagzeug. Hier habe der einstige stellvertretende Leiter der Musikschule eine erfolgreiche Spur gelegt. Er konnte junge Leute zum nicht ganz einfachen Spiel am Schlagzeug motivieren. Ob unter den Schülern ein künftiger Buddy Rich zu finden ist, wird sich zeigen. Weit über das Vogtland hinaus bekannt ist die Big-Band des Vogtlandkonservatoriums. Mehrere Auftritte im Fernsehen und auch bei verschiedenen Veranstaltungen hätten die Nachwuchsmusiker erfolgreich absolviert. Ein solches Vorbild zieht natürlich auch andere Kinder und Jugendliche an. So gibt es derzeit 25 Musikschüler, die das Saxophonspiel erlernen. "Geburtshelfer" dürfte Bill Clinton gewesen sein, vermutete der Gesprächspartner, bevor diesen Part die Big-Band der Musikschule übernahm. Trotz der Big-Band hatte Reichel noch ein Problem ausgemacht. Zu viele Musikschüler erlernten Solisteninstrumente, wie zum Beispiel Klavier, obwohl die wenigsten davon als Solisten geeignet seien - und zu wenige ließen sich für Ensembleinstrumente begeistern. "Aber wir brauchen Ensemblemusiker", formulierte der Chef der Einrichtung. Denn der Bedarf sei da. So reist eine kleine Combo des Vogtlandkonservatoriums zu Ostern nach Kiew im Rahmen eines Austauschprogramms. Was die Gebühren angeht, so habe es "moderate Erhöhungen" gegeben, stellte Reichel fest. Die Eltern wüssten eben, was sie hier im Vogtlandkonservatorium geboten bekämen. Manche Kinder seien hier in mehreren Ensembles dabei, und das zum gleichen Preis. Für eine Einzelstunde zahlen die Eltern rund ein Drittel der Kosten. Und das sei viel im Vergleich zu anderen Kultureinrichtungen, musste Reichel eingestehen. Das schwierige wirtschaftliche Umfeld zeige sich auch in der Musikschule. So nehme im Vogtlandkonservatorium die Zahl der Schüler mit Ermäßigung aus sozialen Gründen zu. Daneben gebe es auch Geschwistervergünstigungen und Ermäßigungen bei sehr guter Leistung.

  Mädchen sind Jungs überlegen   Was die Begeisterung und die Zähigkeit beim Erlernen eines oder mehrerer Instrumente angeht, da seien die Mädchen den Jungs überlegen. Insbesondere wenn es um das Erlernen weiterer Instrumente geht, seien die Mädchen dafür eher zu begeistern. Es gebe auch immer öfters eine Kombination aus Instrument und Gesang. Und da sei an die Gymnasiastin erinnert, die auf den Beginn ihrer Gesangsstunde wartete. Sie hatte mit dem Klavierunterricht begonnen. Es wird sich beim Vorsingen in Leipzig zeigen, ob das in Plauen Erlernte den Professoren der Musikhochschule als Einstieg für ein Studium reicht.  Bert Walther