Jugendherberge will wachsen

Corona hat fast alle Lebensbereiche vor enorme Herausforderungen gestellt. Um die Probleme kennenzulernen, geht Rico Gebhardt, Vorsitzender der Fraktion Die Linke im Sächsischen Landtag, auf Sommertour - und besucht Taltitz/Dobeneck.

Von Renate Wöllner

Oelsnitz/Taltitz - Stefan Wagner ist Herbergsleiter in Doppelfunktion. Besonders in der Hochsaison sei es anspruchsvoll, zwei Häuser zu deichseln, erzählt er Donnerstag beim Austausch unter den alten Bäumen neben der Stützmauer an der Talperre Pirk. Gebhardt ist zum ersten Mal hier und erkundigt sich nach den Möglichkeiten am Stausee. Während die JH "Alte Wache" in Plauen ganzjährig 18.000 Gäste zählt, sind es in der JH Taltitz etwa 8000 in einem halben Jahr, denn der Tourismus im einstigen Gutshaus findet vor allem während der Hochsaison statt, erzählt Wagner. Diesen Erfahrungswert werde man dieses Jahr aufgrund der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen nicht schaffen.
In Taltitz war die Herberge bis Juli geschlossen, ein großes Motorradtreffen musste abgesagt werden. Plauen konnte aufgrund eines neuen Hygienekonzepts im Test einen Monat früher aufsperren. "Zur Zeit haben wie viele Familien in der Taltitz. Am Wochenende feiert eine Gruppe Junggesellenabschied", berichtet der Herbergsleiter. Gut ausgelastet sei der September, wobei zur Zeit Buchungen sehr spontan vorgenommen würden. Weggebrochen sei der Besuch von ganzen Schulklassen, ein Klientel, das bislang das Gros der Buchungen ausmachte. Die Storno-Fristen müssen angepasst werden. Mit der unsicheren Lage gestalte sich auch die Personalplanung schwierig. Die Motivation der Mitarbeiter aufrechtzuerhalten, schreibt sich Wagner auf die Fahne. Leicht sei das nicht. Die vielen Überstunden im Sommer können erst im Winter ausgeglichen werden - und das im Niedriglohnsektor. In beiden Herbergen zusammen sind 21 Leute beschäftigt. Ein gutes Omen: "Im September schaffe ich die Kurzarbeit für beide Häuser wieder ab", sagt er.
Wagner will in Absprache mit dem Jugendherbergsverband in die Taltitzer Einrichtung investieren. Geplant sind vier Stellplätze für Caravans und die Erneuerung der maroden Bungalows mit vier bis sechs neuen. Um den Standort zu erhalten, muss die Herberge "einen positiven Deckungsbeitrag erwirtschaften".
Mit der Investition könne die Zahl von 82 Übernachtungsbetten auf über 100 gesteigert werden. Eine entsprechende Konzeption hat Wagner dem Abteilungsleiter Bau in der Chemnitzer Geschäftsstelle vorgelegt. Für November ist das Plangespräch mit dem geschäftsführenden Vorstand anberaumt. Auch die Fassade des Haupthauses braucht neuen Putz an der Fassade. Mit dem gesamten Gelände steht der JH-Verband im Erbpachtverhältnis mit der Stadt Oelsnitz.
Eines der größten Probleme der Jugendherberge sei die fehlende Anbindung an den ÖPNV. Um in einen Bus zu steigen, müsste man bis zur Haltestelle in Taltitz/Neue Welt laufen - zíemlich weit für manchen Feriengast, der gemütlich die Angebote in Oelsnitz, Plauen oder Weischlitz kennenlernen will. So seien Gäste doch weitgehend auf das eigene Auto angewiesen.
In und um die Herberge sind die Freizeitmöglichkeiten überschaubar. Doch ein großes Pfund ist die Ruhe verbunden mit der Natur am Wasser. Warum nicht einfach mal nur ausspannen? Die Herberge und ihre Mitarbeiter tun ihr Möglichstes. Mit Unterstützung der Landestalsperrenverwaltung wurde ein neuer Bootssteg an der Seglerbucht gebaut. Ruderboote liegen bereit und zwei Stand up paddles können zu Wasser gelassen werden. Ein Floß selber basteln bietet das Herbergsteam an, andere Angebote laufen über externe Kräfte. Die Zusammenarbeit mit den Partnern an der Talsperre funktioniere gut. Mit der Partnerherberge in Plauen läuft der wirtschaftliche Austausch.
Das ÖPNV-Problem zu klären, rät Gebhardt, denn schließlich reden dort die Bürgermeister mit.