Jugendherberge braucht keine fünf Sterne

Der Aufenthaltsraum der Jugendherberge Alte Feuerwache liegt da wie ausgestorben. Weit und breit kein Mensch, kein Stimmengewirr, obwohl doch eigentlich Ferien sind. Hat Herbergsvater Stefan Wagner mit einem leeren Haus zu kämpfen? Doch der Chef gibt Entwarnung - das sei die berühmte Stille vor dem "Sturm".

Von Torsten Piontkowski

Plauen Für ein paar Stunden bildet Stefan Wagner an diesem Mittwoch eine Ich-AG und nimmt selbst hinter dem Empfangstresen der Jugendherberge Platz. Lange wird es so ruhig nicht bleiben, denn neben den "normalen" Gästen hat sich auch eine größere Gruppe junger Leute einquartiert, die sich im Trainingslager befinden.
Doch erst mal betritt eine ältere Dame mit einem Jungen den Eingangsbereich. "Omi mit Enkel", klärt Wagner auf, bevor er die beiden begrüßt. - Eine persönliche Begrüßung des Hoteldirektors ist sonst nur für die Suiten-Bewohner eines Fünfsterne-Hotels üblich. Oder eben in einer Jugendherberge, in der man Wert darauf legt, mit den Gästen so schnell wie möglich und so unkompliziert wie möglich ins Gespräch zu kommen.
18.000 Übernachtungen
im vergangenen Jahr

Zwischendurch meldet sich immer mal Wagners Handy. Die angenehmeren Fragen sind die potentieller Gäste, was die Jugendherberge abends kulinarisch zu bieten hat oder man sein Essen mitbringen müsse. Der unangenehmere Anruf kommt ganz aus der Nähe. Eine Nachbarin beschwert sich, das jugendliche Gäste der Herberge vom Fenster aus Müll auf ihr geparktes Auto geworfen hätten. Da braucht es die richtigen Worte gegenüber der Nachbarin und Wagner findet sie. Weist auf die Sicherheits- und Ordnungsvorschriften seines Hauses hin und dass man beim besten Willen keine 24-Stunden-Kontrolle gewährleisten könne. Und ja, die Polizei sei dann eben der richtige Ansprechpartner. Klingt ein wenig, als ginge es hier zuweilen drunter und drüber. Aber erstens würde das der schlanke, hochgewachsene Herbergsvater nicht durchgehen lassen und zweitens würde er daraus auch kein Hehl machen. Wagner hat den Laden im positiven Sinne im Griff. "20 Uhr ist hier unten Feierabend, auf den Zimmern ab 22 Uhr auch." Wobei er weiß, dass er kein Seniorenhotel, sondern eben eine Jugendherberge leitet. Detailliert möchte sich Wagner nicht äußern. Aber diese Neunmalklugen, die alles besser wissen, mag er jedenfalls nicht.
Sein Haus verzeichnete im Vorjahr wieder 18.000 Übernachtungen, was Wagner als guten Durchschnitt bezeichnet. Ein modernes, unkonventionelles Dach überm Kopf suchen nicht nur Jugendliche, junge Familien oder Vereine, sondern beispielsweise auch Azubis der Handwerkskammer, die hier wochentags untergebracht sind.
"Hauptgeschäft"
sind Klassenfahrten

Als "Hauptgeschäft" bezeichnet Wagner, der übrigens auch noch Chef der Taltitzer Jugendherberge ist, Klassenfahrten. "Wir können aus acht verschiedenen Klassenfahrtsprogrammen ein auf die Bedürfnisse der Gäste zugeschnittenes stricken", sagt er. Und das beinhaltet dann _Kletterwald- und Freibadbesuche ebenso wie Theater- oder Museumsaufenthalte oder eine Stippvisite in den Weberhäusern. Seit das Besucherbergwerk barrierefrei zugänglich sei, werde auch das gern gebucht, fügt er an und erwähnt die gute Zusammenarbeit mit dem Chefknappen Gert Müller.
Im Mai und Juni sei die Herberge am meisten frequentiert. Vermutlich können er und sein Team dann im Dezember oder "zwischen den Tagen" mal verschnaufen. Weit gefehlt. "Silvester sind wir in der Regel ausgebucht und besonders bei großen Familien beliebt, die sich hier einmal im Jahr alle treffen wollen. In Taltitz gar checkt regelmäßig eine Großfamilie aus Dresden ein, dann sind alle 80 Betten ausgebucht", plaudert er aus dem Nähkästchen.
85-jähriger
Stammgast aus Weimar

Vom Neugeborenen bis zum Hochbetagten reiche das Spektrum seiner Gäste, sagt Wagner und erzählt schmunzelnd von einem 85-jährigen Stammgast aus Weimar, der vier bis fünf Mal im Jahr einchecke - einfach, weil ihm das Vogtland so gut gefällt. Vor allem von jungen Familien werde auch die Plauen-Card gut angenommen.
Doch auch für ferne Gäste scheint Plauen eine gute Adresse. Im Vorjahr checkte eine Gruppe Japaner und eine weitere aus Mexiko ein, die Sachsen kennenlernen wollten. Die "Amtssprache" ist dann meist Englisch und wenn Französisch vonnöten ist, dann hilft Wagners in Plauen lebende Cousine aus - die spreche perfekt, lächelt er. Doch Gäste nur "verwalten" ist nicht der Anspruch des Teams um Steffen Wagner. Das Angebot der Jugendherberge ist deutlich breiter gefächert. "Wir vermieten unsere Seminarräume oft an externe Interessenten", nennt Wagner ein weiteres "Standbein". Schon zwei Mal habe man sich an der Aktion "Buntes offenes Plauen" beteiligt, im September stehe die dritte Auflage an. Quartalsweise will man das Kneipen-Quizz, also die Hinterfrag-Bar, wieder aufleben lassen, die erste Auflage im Januar verlief erfolgreich. Und auch der erste Veganer-Brunch blieb nicht ohne Teilnehmer - im Gegenteil, weshalb man für den 23. Februar den nächsten anberaumt hat.
Spiele-Abend mit
Studenten der BA

Erstmals sei man in diesem Jahr auch Partner der Nacht der Muse(e)n. "Wir haben uns beworben und es hat geklappt. Wir führen die Interessenten durch unseren Schauraum und was zu essen gibt es auch." Nicht zu vergessen der Spiele-Abend jeden zweiten und vierten Mittwoch im Monat mit Studenten der BA. "Wir stehen mit Spieleherstellern in Verbindung, die uns Neuentwicklungen zum Testen überlassen", zerstört Wagner das Klischee, hier würden Studenten "Mensch-ärgere-dich-nicht" spielen.
Nun werden die Gäste aber erst mal einen Monat auf die persönliche Begrüßung des Herbergsvaters verzichten müssen. Wagner begibt sich im März in Elternteilzeit, um den vor wenigen Wochen geborenen Rudi zu betreuen. Nachwuchs Nummer zwei bei Familie Wagner. Und ein bisschen wie schlaflose Nächte sieht Wagner zumindest um die Augen herum tatsächlich jetzt schon aus.