Johannes Schulzes Spur der Steine in Plauen

Der Plauener Bildhauer Johannes Schulze wird heute 80 Jahre alt; was an Psalm 90 denken lässt: "Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn‘s hoch kommt, so sind‘s achtzig Jahre, und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen…" Mühe und Arbeit ist es gewesen und noch viel mehr.

Von Lutz Behrens

Plauen Als Johannes Schulze 70 wurde, 2009, zeigte eine große Personalausstellung in der Sparkasse Vogtland am Komturhof die Vielfalt und Kraft der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten des Jubilars - von der bronzenen Kleinplastik, der Stele aus Marmor, dem Holzrelief bis zur großflächigen Wandgestaltung und der übermannshohen Plastik. Sein Kommentar damals: "Definitiv meine letzte Ausstellung." Unsere Zeitung würdigte ihn mit einem Beitrag, dem ein Atelierbesuch vorausgegangen war.
Jetzt, zehn Jahre später, machen wir uns gemeinsam auf den Weg, um seine "Spur der Steine" in Plauen aufzunehmen und zu erfahren, wie seine Kunst im öffentlichen Raum der Stadt wirkt, von den Menschen angenommen wird oder auch schlimmer Ignoranz anheimfällt.
Kunst im öffentlichen Raum
Wie kaum ein anderer Bildhauer hat Johannes Schulze die Kunst im öffentlichen Raum vor allem in Plauen, aber auch dem Vogtland und in Sachsen geprägt. Ein Verzeichnis der Orte, an denen er seine Spur der Steine hinterlassen hat, wo er Brunnen gestaltete oder hoch oben ein Glockenspiel, eine solche Liste reicht von Markneukirchen und Mißlareuth, Bad Elster und Jößnitz bis nach Chemnitz und Zwickau; zu finden ist Hannes Schulze mit seiner Kunst immer wieder in Plauen, in Oberfranken oder im Norden Deutschlands. Wiederherstellend hat er sich als Restaurator einen Namen gemacht. Zahlreichen Bauwerken gab er ihre alte Schönheit wieder, restaurierte viele Details, dabei diese Tätigkeit genauso ernst nehmend wie sein künstlerisches Schöpfertum.
Lange Jahre hat er um seine Anerkennung ringen müssen. Der am 10. September 1939 in der Plauener Ostvorstadt als Sohn eines Baumeisters und Architekten geborene Johannes Schulze wird Maurer und arbeitet zwei Jahre lang als Geselle auf Baustellen in Plauen. In Leipzig, an der Fachschule für angewandte Kunst studiert er im Fach Plastik und ist seit 1961 freiberuflicher Bildhauer. Erst 1972 wird er in den Verband Bildender Künstler aufgenommen. Jahrzehntelang macht er sich verdient als Leiter von Keramikzirkeln für Kinder und Erwachsene und eines Schnitzzirkels.
"Der befreite Mensch"
Am Albertplatz (früher Platz der Roten Armee) steht seit 1985 die allen Plauenern bekannte Bronzefigur: "Der befreite Mensch". Es war nicht leicht, diesen nackten Mann, der viel mehr ist als ein männlicher Akt, als Kunstwerk im öffentlichen Raum durchzusetzen. "Es ist mir damals und bis heute bei dieser Arbeit wichtig, gegen die Geschichtsvergessenheit anzugehen", sagt der Künstler. Der "Befreite Mensch" sei nicht zu verstehen, ohne das Wissen um die Zerstörung Plauens und den schweren Anfang nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Skulptur bildet mit den dahinterliegenden, klobigen Steinen eine Einheit. Jeder, der einmal mit Erschrecken Fotos des im Zweiten Weltkrieg zerbombten Plauens betrachtet hat, weiß, dass die riesige Fläche unterhalb des Oberen Bahnhofes einer Trümmerwüste glich; in Schutt und Asche gefallen Wohnhäuser, Geschäfte, Banken, Hotels, die Kunstschule; allein im Luftschutzkeller der Schule starben am 10. April 1945 mehr als 31 Menschen. Bewusst hat der Künstler nicht nur das Material für diese Steine aus Theuma bezogen, sondern auch darauf geachtet, einzelne Steine mit roter Patina auszuwählen. Die in Plauen stationierten Soldaten der Roten Armee gaben auf dem Platz, der seit 1945 ihren Namen trug, Platzkonzerte. Hannes Schulze erinnert sich, dass der Nackte auf diesem Areal den (offiziell) eher prüden Sowjetmenschen nicht in den Kram passte. Heute tobt sich eigenwilliger Gestaltungswille am "Befreiten Menschen" aus. Wir trafen ihn an, als er eine Cola-Flasche unterm Arm und eine Pudelmütze auf dem Kopf trug. Sein Penis wird gern und gar nicht prüde mit Filzstift bekritzelt. Der Schöpfer des Kunstwerkes kommt nicht umhin, solcherart banausische Distanzlosigkeit mit der allgemein zu beobachtenden "Vermüllung der Gesellschaft" zu erklären.
Kunstraum Sparkasse
Das für Außenstehende bis heute überdimensionierte Bürogebäude mit Sitz der Sparkasse Vogtland an der Elster lässt in einer harmonischen Parkanlage nicht nur die in Beton gezwängte Syra still dahinplätschern, es kann einer, der meinetwegen auf dem Parkdeck sein Auto abgestellt und nicht nur Gewinnmaximierung im Kopf hat, dort eine Menge Kunst entdecken. Auch von Johannes Schulze; in einem Innenhof eine sechs Meter breite und zweieinhalb Meter tiefe "Landschaft". So die Dimensionen. Zu sehen sind unterschiedlich hohe, tiefgraue Theumaer Platten, wellenförmig angeordnet und dem vogtländischen Hügelland nachempfunden; beindruckend in ihrer Schlichtheit und herben Schönheit. Beeinträchtigt wird derzeit die Wirkung des Kunstwerkes von rudimentären Überbleibseln anderer Skulpturen, die neben der "Landschaft" abgestellt wurden, was aber, wie versichert wurde, nur ein Notbehelf sei.
Im Park zieht eine zwei Meter hohe Bronzearbeit den Blick auf sich: "Traum und Alptraum". Die an ein Schwert erinnernde Form der Stele erhebt sich aus einem aus Pflastersteinen gebildeten Sockel, die Metapher "auf Messer Schneide" assoziierend. Zu sehen sind auf der einen Seite die Sonne, ein schwebendes Paar und die Erde. Die Rückseite gebiert den Alptraum: den Absturz, das Ende allen menschlichen und irdischen Lebens durch atomare Zerstörung. Leider zeigt sich auch an dieser Arbeit der wie auch immer begründete Eingriff in die Autonomie des Künstlers, dem ungefragt eine sibirische Lärche "dekorativ" neben sein kraftvolles Kunstwerk gepflanzt wurde.
Kaum zu entdecken ist in der Eingangshalle "Der große Jongleur", eine fast einen Meter hohe Bronzeskulptur von Johannes Schulze aus dem Jahr 1986, die durch einen Treppenaufgang halb verdeckt und vor einer Jalousie ihrer Wirkung beraubt wird. Ein muskulöser, kräftiger männlicher Akt jongliert gekonnt mit einer Erdkugel; auch hier spricht der Künstler warnend unsere Gefährdung an.
Die Mühen der Ebene
Vom stets dialektisch denkenden, was er vor allem von Hegel (und von Marx) gelernt hat, Bertolt Brecht kennen wir die schmerzhafte Wahrheit, dass nach den bewältigten Mühen der Gebirge, sprich Krieg und schwere Nachkriegskriegszeit, die langwierigen Mühen der Ebene vor uns liegen. Diesem philosophischen Gedanken widmet sich die gleichnamige Arbeit von Johannes Schulze, die vor dem Plenarsaal im neuen Plauener Rathaus seit 1976 ihren Platz gefunden hat. Ihre Maße sind beachtlich: fast einen Meter hoch und insgesamt fast fünf Meter breit. Wer gut und genau hinschaut, wird fündig. Da wird ein halbes Jahrhundert verhandelt. Frauen sind es vor allem, die nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges die Karre aus dem Dreck ziehen und mit dem mühsamen Aufbau beginnen. Wir finden Verzweifelnde, Anpackende, die Familie, den, der abseitssteht und solche, die sich zu gemeinsamem Tun verbünden. Einer greift nach den Sternen, ein anderer resigniert, ein weiterer wartet ab: Frauen und Männer, ein Kind. Der zukunftsweisende, symbolische Abschluss: ein schwebendes Paar. "Das Paar muss weg!", so lautete bei der Vorstellung des Reliefs aus Kalkstein das Diktum Werner Schweiglers, des damaligen Chefs der SED-Kreisleitung. "Und das bleibt, denn ich verantworte das", so die Erwiderung des Künstlers.
Das Wesen der Plastik
Wir finden in Plauen an vielen Orten die Zeugnisse des Künstlers Johannes Schulze: seien es neben anderen die "Musizierenden Kinder", die "Turnenden Knaben", eine "Bedrohte Liegende", die "Begegnung" oder die "Neideiteln". Nicht zu vergessen die von ihm gestalteten Tafeln an der Industrie- und Handelskammer, für Dr. Isidor Goldberg oder, ganz aktuell, die Bodenplatte vor dem Rathaus: "Wir sind das Volk". Zu seinen Arbeiten sagt Hannes Schulze: "Plastik ist für mich Architektur. Sie besteht aus Räumen, die als Volumen von innen nach außen wirken. … Wesentliche Elemente sind die Senkrechte, Waagerechte und Diagonale." Und er fügt hinzu: "Dekoratives versuche ich zu vermeiden." Das sagt alles.