Joachim Gauck stellt neues Buch vor

Wenngleich er ein brillanter Rhetoriker ist, Joachim Gauck ist kein Schönredner. In Greiz stellte er sein Buch "Winter im Sommer - Frühling im Herbst" vor.

 

Greiz - Der einstige Herr der Stasiakten, Bundespräsidentenkandidat und unermüdliche Streiter für Demokratie legt nach wie vor den Finger in die Wunden der jüngeren deutschen Geschichte. Er, das sagt er über sich selbst, erinnert gegen das Vergessen - als Vortragsreisender und als Autor seiner Lebenserinnerungen "Winter im Sommer - Frühling im Herbst". Er tut dies intensiv, so dass es mitunter schmerzt, er tut es aber zugleich mit einer Eloquenz, dass es immer auch ein geistiger Genuss ist, ihm zuzuhören, wie am Montag in der Aula des Greizer Ulf-Merbold-Gymnasiums, wo er sein Buch rund 80 Gästen vorstellte.

Er habe sich schwer getan, das Buch zu schreiben, das anlässlich seines 70. Geburtstags erschienen ist. "Nach außen war ich der Promi, innen fühlte ich mich wie ein Verhutzelter, meine eigene Psyche wollte dort nicht hin, wo ich hin musste", räumt Gauck ein, dass in Vorbereitung des Buchs die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie nicht einfach gewesen sei.

Die Verhaftung und Deportation des Vaters durch die Sowjets im Sommer 1951, die Ausreise in den Westen seiner beiden Söhne und einer Tochter in den 1980er Jahren seien prägende Abschiede gewesen, denen sich zu stellen, selbst Jahre später noch schmerzhaft gewesen sei. Den Weg gemeinsam mit der Co-Autorin Helga Hirsch dennoch gegangen zu sein, "hat mir gut getan, hat mich zu mir hin verändert", sagt Gauck. Es sind sicher die Gaucks Leben mit am stärksten prägendsten Ereignisse, die dem Erinnerungsband seinen Titel geben: Die Verhaftung des Vaters wegen angeblicher Spionage war sein "Winter im Sommer", und die friedliche Revolution in der DDR im Herbst 1989 war der "Frühling im Herbst" für Gauck, der zu dieser Zeit als Pfarrer in Rostock arbeitete.

In Greiz liest er aus verschiednen Kapiteln, erzählt zunächst von seiner Jugend und der Ideologisierung des Alltags, der er sich als "aufmüpfiger Schüler" entgegenstellt, und er scheut sich nicht, zu Recht die Verbrechen Hitlers und Stalins, denen Millionen Menschen zum Opfer fielen, gleichzusetzen. Aber: "In unseren Herzen ist Platz genug, zweimal Nein zu sagen zu Unrecht und Diktatur", sagt Gauck mit Verweis auf die schlimmsten Gewaltherrschaften des vergangenen Jahrhunderts. Der Zeit unter "dem sächsischen Diktator Ulbricht" folgen die Jahre unter dem Saarländer Honecker, "der leider nicht mehr dorthin ging, wo er herkam" und Gaucks Entschluss, in der DDR zu bleiben und diese zu verändern. Und es wird "die Freiheit zum Hauptleitmotiv meines Erwachsenenlebens", so Gauck.

Mit dem Blick auf das Hier und Jetzt sowie dem Rückblick auf das Leben in der DDR schreibt Gauck: "So holt sie mich jetzt manchmal ein, die Sehnsucht nach der Sehnsucht, die ihr Ziel verlor, als die erträumte Freiheit Wirklichkeit wurde. Die Freiheit als Sehnsucht hatte eine verlockende Kraft, sie war ungeschmälert schön. Die Freiheit als Wirklichkeit ist nicht nur schön, sondern auch Beschwernis." Gaucks Lesung war somit nicht nur autobiografisch geprägter Geschichtsunterricht, sondern in manchem auch eine Anleitung zur Wertschätzung von Demokratie und Freiheit, die er mit der Aufforderung an das Publikum schloss, die eigene Geschichte aufzuschreiben, um sie vor dem Vergessen zu bewahren.

Gewidmet hat Joachim Gauck den gemeinsam von der Greizer Bibliothek und der Geraer Außenstelle der Stasiunterlagenbehörde organisierten Abend dem am 3. März unverhofft im Alter von 59 Jahren verstorbenen Leiter der Geraer Behördenstelle, Andreas Bley. Zu ihm, so Gauck, habe er ein "enges, vertrauensvolles, freundschaftliches Verhältnis gehabt".