"Jeder wusste, das was passiert"

Am Montagabend zeigte das MDR-Fernsehen im Malzhaus Plauen die Dokumentation "Palast der Gespenster". In dem 90-minütigem Streifen werden die Ereignisse vom 6. und 7. Oktober 1989 in Berlin und Plauen gezeigt.

Von Gabi Kertscher

Plauen Teilweise standen dem Team um die Regisseure Heike Bittner und Torsten Körner bisher unveröffentlichte Filmberichte und Fotos zur Verfügung. Im Film kommen Augenzeugen aus allen Bevölkerungsschichten zu Wort. Da ist der Personenschützer der Stasi. Er war verantwortlich für den Schutz der internationalen Gäste im Palast der Republik und erlebte die protestierenden Berliner hautnah. Sabine Schumann war Kellnerin und hatte an diesem Tag, zur Festveranstaltung anlässlich 40 Jahre DDR, im Palast Dienst. "Wir hatten Angst, dass die Leute da draußen denken, wir gehören zu den Gästen. Wir haben sie doch nur bedient." Über Berlin wird in der Dokumentation viel berichtet, vieles ist bekannt. So auch, dass Michael Gorbatschow mit seiner Frau bereits vor Ende der Veranstaltung abreiste.
Die Berichte aus Plauen beinhalteten viele neue Fakten. Im Streifen kamen Sigmar Wolf, damals 28 und selbstständiger Klempnermeister, zu Wort. Er war es, der das erste Plakat unter seiner Jacke versteckte und es schließlich ausrollte. "Ich wollte Veränderungen, aber gegangen wäre ich nicht." Jens Bühring ist den meisten Plauenern als Clown bekannt. Er unterhält mit seinen Späßen und Zaubereien Jung und Alt. Am 7. Oktober 1989 gehörte er zu den jungen Leuten, die stundenlang an einer Wand im Gefängnishof stehen musste. Anschließend wurde er unbekleidet in einer Dusche gefangen gehalten. Seine Erlebnisse von damals gibt er in der Dokumentation an andere weiter. Der vorletzte Erste Sekretär des Zentralrates der FDJ, Eberhard Aurich, bestätigte, dass man in Berlin wenig von Plauen gehört hat. "Wir hatten erst einmal mit uns zutun." Er war es auch, der anordnete, dass die "Junge Welt" (Zentralorgan der FDJ) am 9. Oktober 1989 etwas ehrlicher über die Festlichkeiten in Berlin berichtete, so in der Diskussion nach dem Film. Seinen Berichten zufolge, wollte die Jugendorganisation am 8. Oktober 1989 einen "Antrag auf Entlastung der Parteiführung" stellen. Dieses wurde als "größter Angriff der FDJ auf die DDR" gewertet. Peter Seeburg war damals im Plauener Rathaus tätig und kann sich an eine Anweisung erinnern, in der es hieß, dass alle Mitarbeiter am 7. Oktober in ihren Diensträumen zu sein haben. "Ich musste mich ja um meine Leute kümmern, die draußen beim Volksfest waren" und so konnte er das Rathaus verlassen. Er lobte die Recherchearbeit zu der Dokumentation "Palast der Gespenster" und berichtete über die Festveranstaltung in Plauen. Am 29. September war die neue Festhalle eröffnet worden und die Stadtverwaltung erwartete einen regelrechten Ansturm. "Es war wie in Berlin, der halbe Saal war leer." Seeburg zeigte sich noch heute von den Ereignissen zwischen Tunnel und Rathaus beeindruckt. Nie werde er vergessen, wie die umgebaute Feuerwehr mit der Spritze auf die Leute gehalten habe. "Jeder wusste, dass etwas passiert. Aber keiner konnte sagen was, wann und wo." Der von seinen Vorgesetzten als "Konterrevolutionär" bezeichnete Kulturchef wollte die DDR verändern, auf einem sozialistischen Weg. "Dazu stehe ich", gestand er am Montagabend im Malzhaus. Über 15.000 Menschen sind damals in Plauen in der Innenstadt gewesen und haben Veränderungen gefordert. Einer, der nicht dabei war, ist Steffen Zenner gewesen. "Wir wollten den Klamauk nach den Wahlen und vielen verordneten Feiern nicht und sind an die Talsperre gefahren."
Der heutige Bürgermeister der Stadt Plauen war 19 Jahre alt und hat lieber mit Freunden gefeiert. Angst habe er gehabt, als die jungen Leute von den Vorkommnissen in der Stadt erfahren haben. "Ich dachte Plauen zerfällt." In der darauffolgenden Woche war er dabei, als der erste Demonstrationszug seine Runde durch Plauen lief. Immer wieder habe man mit dem Eingreifen der Polizei gerechnet. Steffen Zenner bedankte sich beim Filmteam, dass Plauen als erste Stadt genannt wird, die sich gegen das Regime aufbäumte. Deutsche TV-Premiere der Dokumentation "Palast der Gespenster" wird am 1. Oktober um 20.15 Uhr in ARTE sein. Am 6. Oktober wird sie nochmals, ebenfalls 20.15 Uhr, im MDR zu sehen sein. Die Ausstrahlung reiht sich ein in eine Reihe von Beiträgen zum Jubiläum 30 Jahre Friedliche Revolution. Gemeinsam mit MDR Radio und der Mediathek werden MDR Fernsehen und der TV-Sender ARTE an das Ereignis erinnern.