Jahrhundert-Reise der Glocken

Flockenwirbel, Eiseskälte und vier Glocken vom Kirchturm zu hieven. Die Aufgabe wurde Freitagvormittag an Sankt Jakobi von Meister Christian Beck und Team zügig und präzise bewältigt.

Von Renate Wöllner

Oelsnitz -  Mit einem großem Kantholz und drei wuchtigen Schlägen verabschiedet Beck die bronzene Stadtratsglocke aus der Höhe. Die tief hallenden Töne, ernst und feierlich, sind bis hinunter zu den Gruppen von Schaulustigen zu hören, die sich das kurzfristig angekündigte Spektakel nicht entgehen lassen. Eine Woche lang hatte die Firma "Glocken und Turmuhren" aus Kölleda die Aktion vorbereitet. In die Wand des Südturms ist in 15 Meter Höhe eine Öffnung gebrochen, die bereits beim Aufziehen der zwei Hartgussglocken 1957 angelegt worden war und nun reaktiviert wurde. "So umging man, das Maßwerk aus einem der großen neogotischen Fenster auszubauen", erklärt Beck.
Aus dem Glockenstuhl wird die 2,3 Tonnen schwere Bronzeglocke als zweite auf den Wagen abgeseilt und auf Schienen an die Turmöffnung geschoben. Dann schwenkt der Autokrans aus Hof seinen Arm heran. Die Verständigung klappt per Funk. Die Glocke wird vertäut und in großem Halbkreis übers Kirchendach auf den Kirchhof abgesenkt. Ihre Schwingungen hatten die Statik beider über 70 Meter hohen Kirchtürme gefährdet. Nach dem Einbinden in das neue Geläut wird sie "verlangsamt", auf 40 statt wie bisher 60 Schwingungen pro Minute.
Als letzte tritt die kleine Bronzeglocke aus dem Mittelalter die Luftreise an. Vor der Vierergruppe auf dem Asphalt zücken Fotofans und Heimatchronisten die Kameras. Eine Gruppe Siebtklässlerinnen mit ihrem Lehrer aus der Oberschule tritt zum Gruppenfoto an. Einwohner Alfred Pflug hat die Bilder noch vor Augen, als die beiden Hartgussglocken zur 600-Jahrfeier auf blumengeschmücktem Wagen durch Oelsnitz rollten. Diese beiden Schwergewichte legt die Kirchgemeinde still, ihr Material ist verschlissen. Doch einfach ab damit in den Schrott-Container? Das will Johnny Geipel verhindern. Der 14-Jährige aus Leubnitz ist mit Mutter Daniela gekommen und bannt jeden Moment auf Video. Die beiden Glocken habe er sich beim Kirchenvorstand gesichert, um sie im Garten der Familie aufzustellen, erzählt er. Der junge Mann, der die Oberschule in Weischlitz besucht, sei ein großer, in einschlägigen Kreisen bekannter Glockenfan und habe weit und breit alle Kirchglocken gehört, sagt die Mutter. Da nimmt der Berufswunsch nicht wunder. "Ich will Glockenwart werden", erklärt Johnny mit begeistertem Leuchten in den Augen. Doch auf dem Kirchhof bahnt sich eine Konkurrenzsituation an. Stadtrat Mike Eltermann will die beiden Eisenglocken als "Denkmal" neben der Kirche sehen - Ausgang offen.
Einige Besucher interessiert, wann denn das neue Geläut auf den Kirchturm gehoben wird. "Wir haben das sportliche Ziel, dass die neuen Glocken zum Erntedankfest auf den Turm kommen. Zu Weihnachten sollen sie zum ersten Mal läuten", gibt Pfarrer Andreas Schlotterbeck Auskunft. Auch das soll wieder die Firma "Glocken&Turmuhren Christian Beck" ausführen. Nicht wie ursprünglich geplant drei, sondern vier neue Glocken werden gegossen, so dass in Zukunft sechs Glocken von Sankt Jakobi ihre Botschaft aussenden. Vergeben habe man den Guss-Auftrag noch nicht. Drei Glockengießereien kommen in Frage. Der neue Glockenstuhl wird neben dem handwerklich wertvollen Vorgänger eingepasst. Bereits saniert ist die ehedem von Schwamm befallene Zwischendecke im Südturm. Beenden als Dienstherr wird Schlotterbeck das Vorhaben nicht mehr. "Ich gehe im September in den Ruhestand, dann übernimmt Kirchenamtsleiter Tilo Kirchhoff das Glockenprojekt, erzählt der Geistliche. Die Stelle des ersten Oelsnitzer Pfarrers werde ausgeschrieben. Freitagmittag hieß es für die Akteure noch warten -auf den Transporter, welcher die beiden verbleibenden Glocken zur Sanierung nach Innsbruck bringt.