"Ja, sie war Brasilianerin!"

Um "Julia da Silva-Bruhns - die starke Brasilianerin hinter der Schriftstellerfamilie Mann" ging es bei der September-Veranstaltung des Goethekreises. Als Referent war Dr. Dieter Strauss aus München angereist.

Von Sven Gerbeth

Plauen Wenn es um die brasilianische Herkunft der Mutter von Heinrich und Thomas Mann geht, dann trifft man selbst bei Germanisten oft auf Überraschung und Erstaunen. Dabei stimmt die Umschreibung "brasilianische Herkunft", näher betrachtet, nur zum Teil. Julia da Silva-Bruhns war eine Tochter des 1837 nach Brasilien ausgewanderten Lübecker Farmers Johann Ludwig Hermann Bruhns (1821 bis 1893) und der Brasilianerin Maria Luisa da Silva, der Tochter eines Großgrundbesitzers portugiesischer Herkunft. Die Mutter starb 1856 bei der Geburt ihres sechsten Kindes. Da war Julia da Silva-Bruhns gerade fünf Jahre alt. Ein Jahr später entschied ihr Vater, seine Kinder zurück nach Deutschland zu schicken. Er selbst blieb zunächst in Südamerika. Julia sprach bei ihrer Ankunft in der Hansestadt noch kein Wort Deutsch. Bis sie 14 Jahre alt war, lebte sie in einem Internat in Lübeck. Mit 16 heiratete sie den um elf Jahre älteren späteren Finanzsenator Thomas Johann Heinrich Mann, mit dem sie neben Heinrich (geboren 1871) und Thomas (1875) noch drei weitere Kinder hatte.
Mit den vorstehenden Sätzen ist freilich erst einmal die gute Hälfte des Lebensweges dieser bemerkenswerten Frau beschrieben. Der Germanist Dr. Dieter Strauss war extra aus München angereist, um als Gast des Plauener Literaturvereins Goethekreis das Leben von Julia da Silva-Bruhns in einem sehr kurzweiligen Vortrag zu beleuchten. Immer wieder gelang es ihm, das Publikum nicht nur mit Fakten und Theorie, sondern mit authentischen Überlieferungen und vielen Episoden in seinen Bann zu ziehen.
"In Lübeck passte es sich einfach nicht, solche dunkle Augen zu haben wie Julia Mann." Dieser Satz aus der Feder ihres Enkels Klaus Mann mag exemplarisch dafür stehen, wie die in Brasilien geborene "starke Frau hinter der Schriftstellerfamilie" von Teilen der Bürgerschaft der Hansestadt betrachtet wurde. Strauss reflektierte aber auch den unterschiedlichen Umgang der Schriftsteller-Brüder Heinrich und Thomas mit der Herkunft ihrer Mutter. Den jüngeren Thomas Mann zitiert er mit den Worten: "Ja, sie war Brasilianerin. Aber sie war ja verheiratet mit einem Lübecker, der ausgewandert war, um als Zuckerrohr-Pflanzer Geld zu verdienen." Klingt gerade so, als wenn er sicher ob ihrer Abstammung seiner Mutter ein wenig schämte. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang auch der Fakt, dass der Nobelpreisträger viel später die Teilnahme an einem Schriftstellerkongress in Rio de Janeiro - aus welchen Gründen auch immer - ablehnte. Ganz anders sein weltoffener Bruder Heinrich, der zu Zeiten der Hitler-Diktatur in Deutschland im damals noch unbesetzten Teil Frankreichs den brasilianischen Botschafter beim Kaffee traf. Von ihm ist der Gedanke überliefert: "Wenn Mama damals dageblieben wäre, könnte ich jetzt der sein, der da gerade vor mir sitzt."
Nicht minder interessiert verfolgten die Zuhörer auch die Ausführungen zum weiteren Lebensweg Julias, der sie zunächst nach München und Augsburg führte. Im Alter wechselte sie häufig ihren Wohnsitz. Die Inflation hatte das hinterlassene Vermögen aufgezehrt. Angebotene Unterstützung ihrer Söhne nahm sie aus Stolz nicht an. So musste sie sich immer preiswertere Unterkünfte suchen. 71-jährig starb sie im März 1923 in einem Dorf südlich von München.
Vereinsvorsitzende Dr. Barbara Pendorf kündigte für den 12. Oktober Professor Reiner Neubert aus Zwickau zum Thema "Rübezahl - ein Geist? Ein Gott? Ein Eulenspiegel?" an.