Irrungen und Wirrungen des Herzens

Sei es die flirrend-betörende Musik der Mendelssohn‘schen Ouvertüre zum "Sommernachtstraum", seien es der Wechsel der Märchen- und Traumwelten der Komödie von Shakespeare oder die geschlagenen Kapriolen der Liebenden - das Original scheint wie geschaffen, um in ein Ballett verwandelt zu werden.

Von Lutz Behrens

 

Plauen - Ballettdirektorin Annett Göhre gelang es, aus der Not (der Fusion) eine Tugend zu machen; so habe die in Plauen sehr erfolgreich, das sei verraten, am Samstag über die Bühne des Vogtlandtheaters gegangene Ballettpremiere von "Ein Sommernachtstraum" die Chance geboten, weitere Arbeit an der Choreografie zu leisten. Liegt doch die eigentliche Premiere schon fast ein Jahr zurück und fand an ungewöhnlichem Ort statt: in der Zwickauer Lukaskirche.
So konnten denn am Ende zwei Vorteile greifen: Die Vervollkommnung der eindrucksvollen Choreografie verband sich erfolgreich mit spürbar großer Sicherheit der Akteure und entbehrte somit der nicht kalkulierbaren Unwägbarkeiten einer "richtigen" Premiere. Zudem griffen in Plauen die Vorzüge einer Theaterbühne. Mit "mehr Licht", der professionelleren Tontechnik und einer mit den Gepflogenheiten der Bühne vertrauten Mannschaft. Damit galt das Lob der Ballettdirektorin auch den Mitarbeitern von Technik und Gewerken und explizit Jens Herrmann als Inspizienten.
Dem in der medialen Betrachtung gern vernachlässigten theatralischen Beiwerk kommt für die emotionale Wirkung einer Aufführung mehr Bedeutung zu als der Laie zu ahnen vermag. Eine bescheidene Vorstellung davon erschloss sich dem Theaterbesucher, der die Matinee besucht hatte. Was dort gezeigt wurde in mehr oder weniger schlabbrigen Übungsklamotten, den knappen Einspielungen der Musik und einer reduzierten Ton- und Lichttechnik, das machte zwar sehr wohl Appetit auf das Hauptgericht, das aber übertraf alle Erwartungen.


Zur Premiere entfalteten die schlichten, natürliche Stoffe bevorzugenden, aber auch sehr festlichen Kostüme von Mireia Vila Soriano (auch Bühnenbild) ihre besonderen Reiz. Das Licht tauchte die Bühne in die zauberische Atmosphäre eines von Feen und Trollen bevölkerten Zauberwaldes. Hin- und hergezogene, mit fantastischen Motiven bemalte, teilweise transparente, bühnenhohe und nach einer Choreografie bewegte Vorhänge ließen vielfältige Räume entstehen, die die Tänzerinnen und Tänzer ausgreifend und ästhetisch überzeugend zu nutzen verstanden.
Bevor deren außergewöhnliche Leistung gewürdigt werden soll, muss etwas zur Musik gesagt werden. In unserem Falle kam sie nicht aus der Konserve, sondern wurde hervorragend musiziert vom Philharmonischen Orchester Plauen-Zwickau unter Vladimir Yaskorski. Vom genialen Mendelssohn war schon die Rede, und selbst sein gleichsam auf jeder Hochzeit malträtierter Marsch entfaltete eine Wirkung, die feuchte Augen provozierte; zumindest bei denen, deren erste Hochzeit immer noch die letzte ist. Kontrastierend erklangen dazu unter anderem ein grotesker Tango Stravinskys oder auch drei Sätze einer Sinfonietta von Albert Roussel bis hin zur Klavierbegleitung (Alexsei Iaropolov) des Spiels im Spiel der Handwerker.


Dass die physischen und kognitiven Leistungen von Balletttänzerinnen und -tänzern vom Außenstehenden nicht annähernd begriffen werden, ist ein alter Hut. Neben Talent, den körperlichen Voraussetzungen und einem hohen Maß an Selbstaufopferung, ermöglichen eiserne Disziplin, tägliches, stundenlanges Üben, natürliche Eleganz und Grazie, Gespür für Rhythmus und das Glück, sich nicht zu verletzen, den Erfolg einer Tänzerin oder eines Tänzers, der mit viel Beifall, aber am Monatsende karg entlohnt wird. Von der in dieser Branche in der DDR geltenden, großzügigen Rentenregelung, die rasch abgewickelt wurde, ganz zu schweigen.
Die "Sommernachtstraum"-Premiere zeigte ein engagiert auftretendes Ensemble mit tänzerischen Meisterleistungen; das gilt für die international zusammengesetzte Company des Hauses wie für die beiden Gäste: Hugo Mercier, besonders aber Yun Yeh. Deren Interpretation des Pucks ist große Kunst, bis hin zur Schlussszene, in der sie uns alle mit der Blume der Liebe zu verzaubern versucht. Gesagt sei auch, dass mehrere Tänzerinnen und Tänzer in Doppelrollen agieren, was nicht nur fleißiges Umziehen erfordert, sondern auch den zu meisternden Wechsel vom klassischen Spitzentanz zum Tanztheater. Vom intellektuellen Vermögen, über die Zeit von 90 Minuten, solange dauerte das Ballett, komplizierteste Bewegungsfolgen abzurufen und exakt im Einklang mit der Musik zu zeigen, ganz zu schweigen.
Wir erleben die verschiedenartigsten "Irrungen und Wirrungen des Herzens" (Annett Göhre). Es trifft sehr reale Menschen, Frauen und Männer, aber auch Götter, Feen, gar einen Esel, dazwischen wirbelt ein Kobold herum. Ist doch alles nur ein Traum? Wenn ja, dann ein glücklich endender, versöhnlicher.