Investieren in Biogas und Sonnenenergie

Mit einem Schlag treibt Henry Schulz den Zapfhahn ins Bierfass. Auf dem großen Hofgelände der Agrargenossenschaft Tirschendorf wird Ende September das Kartoffelfest mit dem Erntedank verbunden. Das ist "ein Dank der Menschen an Gott, dass das Jahr wieder viel gebracht hat", sagt der Geschäftsführer und verkündet "Demut und Respekt vor der Natur, die uns gern mal unsere Grenzen aufzeigt". Vor über 20 Jahren in der LPG wäre der Gedanke unsagbar gewesen.

 

"Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein", habe man sich damals vermessen, erinnert Schulz. Heute sind die Probleme andere. "Lebensmittel stellen für viele keinen echten Wert mehr dar, alles muss massenhaft vorhanden sein und möglichst wenig kosten", kritisiert er die Luxus- und Wegwerfgesellschaft.

Aus drei Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) heraus, den Tierhaltungsbetrieben Raasdorf sowie Marieney und Unterwürschnitz und der Pflanzenproduktion Tirschendorf, wurde im Dezember 1990 die Agrargenossenschaft e. G. gegründet. "Tier und Pflanze gehören zusammen", hält Schulz gegenüber den spezialisierten Genossenschaften der DDR fest. "Die Tierproduktion allein wäre nicht überlebensfähig gewesen", ist seine Überzeugung. Noch bis 2006 war der Agrarbetrieb in juristische Auseinandersetzungen mit zwei Gruppen von Wiedereinrichtern verwickelt. Schulz, der 2004 die Geschäftsführung übernahm, beendete die Vermögensstreitigkeiten mit einem Vergleich - nach höchstrichterlichen Urteilen zugunsten der Wiedereinrichter. Die Entschädigungen der sechs ehemaligen LPG-Mitglieder wurden aufgebessert. Heute gebe es mit allen Betroffenen eine vernünftige Zusammenarbeit. "Von einem der Landwirte habe wir vor zwei Jahren einvernehmlich die Schweineproduktion übernommen", erzählt Schulz. Das Zusammengehen von 1990 hat sich für den Triebler bewährt: "Von den 400 Leuten konnte für etwa 140 der Arbeitsplatz in der neuen Gesellschaft gesichert werden." Heute beschäftigt der Betrieb 70 Mitarbeiter. Ein Teil der Arbeitsplätze sei "sozialverträglich abgeschmolzen" worden. In der vorwiegend jungen Mannschaft will Schulz die Lehrlingsausbildung verstärken. Eigenen Nachwuchs hält er bei den immer noch niedrigen Tarifen und der vielen Arbeit für überlebenswichtig.

Ein großer Unterschied zu den Produktionsbedingungen in der LPG sei die deutlich leistungsfähigere Technik. Waren in der DDR an die 13 Mähdrescher auf den Tirschendorfer Feldern unterwegs, sind es heute noch vier. Eine einzige Maschine bewältigt die gesamte Futterversorgung. Nicht geändert habe sich das menschliche Miteinander, "In der Landwirtschaft gibt es anders als in der Industrie keine gravierenden Unterschiede in der Arbeit und im Verdienst", erklärt Schulz das Verständnis füreinander. Gemeinsam sei man den Bedingungen der Natur unterworfen.

Weithin sichtbar in der Landschaft prägt die Biogasanlage neben den Silotürmen und den Rinderställen auf Willitzgrüner Seite seit 2007 das Orts- und Firmenbild. Rund vier Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt die Anlage pro Jahr, Energie, die ins Envia-Netz eingespeist wird, berichtet Schulz. Neben dem Leitungssaft springen noch zwei Millionen Kilowattstunden thermische Energie heraus. Die Agrargenossenschaft heizt damit ihre Gebäude und trocknet das Getreide, ein Teil wird als Prozessenergie abgezweigt. "Wir sparen 30 000 Euro Heizkosten gegenüber dem Öl", sagt Schulz. Rund eine Million Euro Gewinn fährt die Agrargenossenschaft durch ihre Biogasanlage ein, satte 20 Prozent des Jahresergebnisses.

Mais-Silage ist neben Gülle und Gras einer der Grundstoffe für den Fermentationsprozess in der Anlage. Die Anbauflächen nehmen zu. Drohen Monokultur und Auszehrung des Bodens? Die Gefahr sieht Schulz zumindest für seinen Betrieb nicht. Auf den 2000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche mache der Mais nur einen geringen Anteil aus.

Breit aufgestellt sei die Agrargenossenschaft. Das habe sich in der Wirtschaftskrise bewährt, als nach dem Verfall des Milchpreises die Gewinne stark spezialisierter Betriebe in der Region einbrachen. Die Ausbildung von Schwerpunkten, die zu 70 bis 80 Prozent das Profil bestimmen, ist für Schulz Philosophie von gestern. "Ein gesunder Betrieb hat vier bis sechs Standbeine", meint der studierte Diplomagraringenieur. Die Milcherzeugung macht in Tirschendorf etwa 30 Prozent der Produktion aus.

Ausbauen will Schulz die Direktvermarktung und den Einsatz der Photovoltaik auf den Dächern von Ställen und Scheunen in Südhanglage, um die Sonnenergie zu nutzen. "Unabhängig machen vom Boden", gibt der 48-Jährige die Devise aus, die für einen Landwirt seltsam klingt. Doch für Schulz ist das die Konsequenz aus dem anhaltenden Verlust an Boden zugunsten von Verkehrs- und Bauprojekten. "Die Zukunft der Landwirtschaft liegt in der Energieproduktion", schlussfolgert er. Der Geschäftsführer will sich nicht abhängig machen von den Ausgleichszahlungen aus Brüssel, für die sich ab 2013 zudem die Rahmenbedingungen verschlechtern. Für ihn heißt es "lieber Geld verdienen am freien Markt". In ein bis zwei Jahren wird die Agrargenossenschaft in eine zweite Biogasanlage investieren. Renate Wöllner