"Integration Schlüssel zur Sprache"

Dass in Ausschüssen nach Vorträgen anerkennend in studentischer Manier auf den Tisch geklopft wird, ist eher selten. Nach der Vorstellung des Projektes "Arbeitsmarktmentoren" im Wirtschaftsförderungsausschuss war das der Fall.

Von Torsten Piontkowski

Plauen - Noch vor vier Jahren hätte es weder dieses Projektes, noch der Mentoren bedurft. Eine Feststellung, die zunächst auch von Menschen unterschrieben würde, die sich dem (sehr) rechten Spektrum zugehörig fühlen. Allerdings wären sie wohl kaum bereit, an diesem Projekt mitzuwirken. 
Worum geht es: Projektleiterin Jeanette Haase-Pfeuffer und ihre Stellvertreterin Nicole Baumgärtel vom Bildungsinstitut Pscherer arbeiten als Arbeitmarktmentoren für Geflüchtete. Zunächst war das vom Freistaat finanzierte Projekt für drei Jahre angedacht, doch schon jetzt steht fest, dass es im Dezember 2019 nicht auslaufen wird. Eng damit zu tun haben dürfte der Erfolg der AMM, der Arbeitsmarktmentoren. Bereits 2017 wurde die Zahl der Mentoren im Vogtland um einen auf nunmehr fünf "aufgestockt", weil auch die Zahl der Teilnehmer stieg. Gegenwärtig werden 85 vorwiegend junge Männer und Frauen in dem Projekt betreut, bisher waren es insgesamt 243, wobei der Frauenanteil mit zehn Prozent durchaus "ausbaufähig" ist. 14 derartige Projekte gibt es im Freistaat, dass der im Vogtland zu den oft zitierten "Leuchttürmen" gehört zeigt die Tatsache, dass die hiesigen Erfahrungen immer wieder sachsenweit abgerufen werden.

Vermittelt wird nicht
der Statistik zuliebe

Ziel ist, allgemein gesagt, eine möglichst schnelle Integration, was über Arbeit am Besten funktioniert. Das Angebot richtet sich an alle Flüchtlinge mit Ausnahme derer, die keine Arbeitserlaubnis besitzen und die Chancen auch schlecht stehen, sie in absehbarer Zeit zu bekommen. Das Modellprogramm scheint zunächst für alle Beteiligten eine Gratwanderung. "Es gibt keine festen Vorgaben, keine Sanktionen, keine so genannten Module, die ‚abgearbeitet‘ werden müssen. Stattdessen setzen wir auf Kreativität", sagt die Projektleiterin. Was wiederum nicht heißt, dass man sich "auf der Nase herumtanzen" lasse. Und vermittelt wird auch nicht der Statistik zuliebe. Als vermittelt gilt, wer mindestens die Zwischenprüfung bestanden hat. 
Die Ausgangssituation ist oft ähnlich. Die Personalchefs der Unternehmen sind mit den komplizierten Flüchtlingsgesetzen oft überfordert, der Geflüchtete wiederum hat oft keine genaue Vorstellung, was er überhaupt lernen könnte. "Genau da verstehen wir uns als Bindeglied", so Jeanette Haase-Pfeuffer. Man könnte es auch als "an-die-Hand-nehmen" im positiven Sinne verstehen. Denn wie verhalte ich mich bei Krankheit? Wie melde ich mich bei einer Krankenkasse an? Was ist der Unterschied zwischen brutto und netto? - Fragen der meisten Geflüchteten, über die auch viele DDR-Bürger vor 30 Jahren noch gar nicht abschätzig lächeln konnten.

Einfach zuhören, wenn
daheim Bomben fallen

Geholfen wird, wenn es um die Anerkennung von Abschlüssen geht, Unterlagen erstellt oder eine Bewerbung formuliert werden muss. "Und klar, da üben wir das auch mal im Rollenspiel", ergänzt Nicole Baumgärtel. Die meisten der Geflüchteten kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, leben allein mit zumindest anfangs eher wenig Kontakt zu Deutschen. "Also hörst du einfach nur zu, wenn wieder mal Bomben in unmittelbarer Nachbarschaft der Angehörigen daheim fielen und die Ungewissheit groß ist", sagt Frau Haase-Pfeuffer.

Bürokratie kann
"delegiert" werden

Die Auflistung ließe vermuten, dass die Mentoren den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Integration der Geflüchteten legen. Falsch. Denn auch der potentielle Arbeitgeber profitiert. Ob der Interessent zuverlässig oder pünktlich ist, sich für die Anforderungen eignet, wird spätestens während der Probe-Arbeitszeit deutlich. "Wir stecken niemand einfach so in eine Ausbildung, bei dem relativ deutlich ist, dass er sie nicht schafft." Von "Qualitätsmanagement" ihres Projektes sprechen die beiden Frauen in diesem Zusammenhang. Oft werde dem Kollegen in spe ein Mentor zur Seite gestellt, und auch da geht man ziemlich unkonventionell vor. "Weshalb soll dem engagierten Kollegen für seine ‚Zusatzarbeit‘ nicht auch ein Tag Zusatzurlaub gewährt werden", fragt Jeanette Haase-Pfeuffer und verweist auf entsprechende Beispiele. Die potentiellen Arbeitgeber werden über Fördermittel informiert, wenn die Arbeitsschutzbelehrung beispielsweise am PC stattfindet, stehen Sprachmittler zur Verfügung, und die Beratung zum Asyl- und Ausländerrecht hilft den Unternehmen, bürokratische Kraftakte zu "delegieren". "Wir sehen zuerst den Menschen, erst danach seinen Status als ‚gestattet, ‚geduldet‘ oder sonstwas", erklärt Nicole Baumgärtel. Und fügt augenzwinkernd an, dass die Mentoren auch geschult sind, wie man Leute hier behalten kann, wenn sie sich schon länger in Ausbildung befinden.

Für Ramadan findet 
sich immer eine Lösung

Die Erfolgsquote kann sich sehen lassen: 200 Männer und Frauen wurden bislang in Arbeit oder Ausbildung vermittelt. Von den 148 jungen Leuten, die einer Arbeit nachgehen, sind 85 in Vollzeit "unterwegs", 53 in der Probezeit. Und auch daraus machen die beiden Frauen kein Hehl: zehn kündigten oder wurden gekündigt, "weil es nicht passte".
Ob es Probleme hinsichtlich des Ramadan gebe, will Linken-Stadträtin Uta Seidel wissen. Klare Ansage: Das werde gecheckt. "Sie sind in Deutschland und da wird während des Ramadan gearbeitet." Eine Lösung finde sich immer, wenn man eine suche. Entweder die gläubigen Muslime nehmen eine Woche Urlaub - in der zweiten Woche hungert es sich dann schon besser - oder sie arbeiten Nachtschicht. Manche umgehen den Ramadan auf ganz eigene Weise: Sie begeben sich in den Keller, weil Mohammed dann nicht sieht, ob sie das Gebot streng einhalten.
Sprache sei der Schlüssel zur Integration, werde oft behauptet. "Ich glaube, Integration ist der Schlüssel zur Sprache", sagt Jeanette Haase-Pfeuffer schließlich und bringt ihrem Auditorium noch ein persönliches Anliegen nahe: "Öffnen Sie Ihr Herz für Geflüchtete."