Industriebrache von ibug wach geküsst

Lasst eure High Heels zu Hause, zieht euch bequeme Treter an und bringt die ganze Familie mit. Ein Kunsterlebnis in und auf altem Gemäuer verspricht die ibug Ende August in der Brache des Bahnbetriebswerks Reichenbach. 100 Künstler aus aller Welt sprühen, zeichnen, installieren Kunstvolles

Reichenbach Die pinkfarbene Wicke, die da durchein glasloses Fensterloch rankt, wundert sich. Junge Leute in praktischen Wetterjacken schaufeln und harken, klappern mit der Schubkarre, rattern mit dem Multicar Wege entlang, die vor einigen Wochen, so zugewachsen wie sie waren, als solche nicht zu erkennen waren. "Das ist ein richtiger Zauberwald", gerät Christin Schulz, die bei der ibug die Künstler betreut, ins Schwärmen, während sie einen kleinen Pfad betritt. Links und rechts davon ranken Birken auskorosierenden Stahlgerippen. Farn gedeiht prächtig zwischen Schutthaufen. Irgendwo ein Rhododendron, von Menschenhand mal gepflanzt. Nicht unangenehm hatten es die rund 1000 im Bahnbetriebswerk beschäftigten Bahner, Lokführer, Schlosser, Rangierer, Ingenieure einst. Inmitten von Lokschuppen, Rangier-Drehscheiben, Büros und Labor ging man auchFreizeitvergnügen nach: Da stehen noch einzelne Wände und Fundamente von Kegelbahn, Schießstand, Sauna. In der Kantine speisten die Bahner zu Mittag. Um die Wende dann das Aus. Entlassungen. Arbeitslosigkeit. Gebäude stehen leer, verfallen. Die letzten brauchbaren, mobilen Utensilien sind rausgeräumt. Ausgeraubt. Ausgehöhlt.
In sechs Wochen kommen die Künstler. Aus Portugal, Spanien, Polen, aus Deutschland sowieso. Die weiteste Anreise haben Künstler aus China, Sibirien, Südamerika, den USA. In Russland verbreite sich die Kunde von Industriekunst-Festivals wie der ibug unter Künstlern gerade richtig, auch die südamerikanische Kunstszene sei mächtig in Bewegung, hat ibug-Projektleiter Thomas Dietze, der sonst als freier Fotograf unterwegs ist, beobachtet. Mit dem 100 Jahre alten Bahnbetriebswerk habe man das bisher größte Areal in der 14jährigen ibug-Geschichte gefunden. Auf elf Hektar Fläche dürfen kreative Menschen Graffitis sprühen, Streetart platzieren, Installationen aus Licht und Ton hinzaubern, Illusionen und Statements schaffen. "Das Gelände wird man nicht wieder erkennen. Alles verändert sich", sagt auch Projektassistentin Christin Haupt. Aus einer Rangierdrehscheibe wird eine Skaterbahn, auch Chillecken und eine Bühne wird es geben.
Vor Wochen begann das ibug-Orgteam die Brache aus dem Dornröschenschlaf wach zu küssen. Dabei sind Menschen, wie Thomas Dietze, die die "Industriebrachenumgestaltung" mit aus der Taufe hoben. Im Laufe der Jahre hat sich ein Stamm von 15 Enthusiasten gebildet. Und immer kommen neue hinzu. 25 Leute waren es an diesem Wochenende zum Arbeitseinsatz. "Aus Bekannten werden Freunde, aus Freunden Familie. Das ist das Tolle daran", erklärt Christin Schulz den ibug-Spirit. 200.000 Euro nimmt der Verein in die Hand, um das Art-Festival stemmen zu können. Da müssen das Werkzeug und die Baumaschinen bezahlt werden, mit denen die Helfer gefährliche Stolperfallen, Löcher im Boden, Altlasten beräumen. Da ist das kleine Geld für die Aufwandsentschädigung der Freiwilligen, ohne deren Engagement nix laufen und alles bis ins Unbezahlbare teurer werden würde. Wer bei der ibug mitmacht, will nicht das große Geld machen. Das meiste läuft über Freiwillige, gut vernetzte Leute aus der Alternativ- und Künstlerszene. Am Ende muss das Geld zu drei Viertel aus den Eintrittsgeldern, der Rest durch Sponsoren, wieder reinkommen. Im vorigen Jahr habe man 19.000 Besucher gehabt - für Reichenbach planen die Macher mindestens 15.000.
Bevorzugt richte der Verein seinen Fokus auf Industriebrachen in Kleinstädten. Dort, wo nach der Wende unangenehme Ruhe eingetreten sei. Intension sei, etwas anzutreiben. Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, schon längst aufgegebene Bruchbuden durch Kunst wieder interessant zu machen - um sie nachzunutzen, neu aufzubauen, zu vermieten, so Christin Schulz. Dass die bunte Kunstszene in Reichenbach willkommen ist, habe man nicht nur durch das gute Miteinander mit der Stadtverwaltung gespürt. Neugierig geworden, was sich an der alten Arbeitsstätte tut, haben die "ibug-er" Bekanntschaft mit Lokführer Lutz und Schlosser Dieter gemacht. Aus den Worten der ehemaligen Bahner habe man Wehmut gespürt. Viele der Ex-Bahner bewirtschaften gleich nebenan einen Kleingarten. All die Jahre haben sie quasi über den Gartenzaun miterlebt, wie der alte Arbeitsplatz zur Ruine verfällt. Inspirierend sei auch die Begegnung mit Heimatforscher Gero Fehlhauer, der ein Buch über das Bahnbetriebswerk geschrieben hat. "Durch ihn haben wir noch einmal eine andere Sicht auf die Bahngeschichte bekommen", sagt Thomas Dietze. Was Künstler aus aller Welt auf die bröckelnden Klinkerfassaden zaubern, bleibt diesen selbst überlassen. Raum ist für Kreatives, Experimentelles, Kritisches und jede Menge Phantasie.