In der Pflege geht es ums Geld

Pflege soll Heimbewohnern und deren Angehörige bald bis zu 500 Euro teurer kommen. "Das ist manchem sein Ganzes. Wer das nicht zahlen kann, muss zum Sozialamt. Ein Thema, das ganz viel mit Scham zu tun hat", sagt Katrin Schmidt, Geschäftsführerin der Awo Vogtland GmbH.

Von Cornelia Henze

Auerbach/Plauen - Am Montagabend war Katrin Schmidt Gast zur Diskussionsrunde "Fakt ist..." im MDR-Fernsehen. Als Chefin von sechs Heimen in Auerbach, Treuen, Rodewisch und Plauen mit 700 Angestellten und 500 Pflegebedürftigen weiß sie, wo der Schuh drückt. Gerissen habe sie sich nicht um den Talk. Pflege, und wer dafür bezahlen muss, das sei ein schweres Seelenthema, mit dem man manchem auf die Füße trete, sagt sie. Vor wenigen Tagen hat die Awo sachsenweit mit einer Petition ein Achtungszeichen gesetzt. Darin fordert der Wohlfahrtsverband, dass die Pflegeversicherung das finanzielle Risiko für die Menschen bei Pflegebedürftigkeit absichert. Dass der Eigenanteil, den Heimbewohner (oder deren Angehörige) zahlen sollen, in der Höhe begrenzt wird. Dass die Pflegekasse einen Teil der Kosten für den Heimbewohner abfedern. Das möge der Bundestag beschließen.
Ums Geld geht es Pflegenden und Pflegebedürftigen gleichermaßen. Keine vier Monate ist es her, da forderten die Auerbacher Awo-Pflegekräfte in einer "Aktiven Mittagspause", zu der die Gewerkschaft verdi aufrief, mehr Geld. "Wir haben nun einen Tarifvertrag abgeschlossen. Ein Kompromiss", erklärt Katrin Schmidt. Examinierte Pflegehilfskräfte bekommen zwölf Prozent mehr Lohn, Pflegehilfskräfte acht und sonstige Angestellte (zum Beispiel in der Küche) sechs Prozent.
Das "Mehr" in den Geldbeuteln der Schwestern und Pfleger soll nun der Heimbewohner blechen. Das führt bei diesen und deren Angehörigen zu Protest, mit dem sich Wohlfahrtsverbände nun auch offen solidarisieren. 
Steigende Kosten müssten von der Pflegeversicherung getragen, klassische Dienstleistungen in der Krankenpflege über diese Kasse abgerechnet werden, sagt Katrin Schmidt. Damit geht sie mit dem Awo-Landesverband und dessen Petition konform. 50 000 Unterschriften braucht es, um im Petitionsausschuss aufs Tableau zu kommen.
Katrin Schmidt kennt die Scham, welche die Senioren empfinden, wenn sie ihren Heim- und Pflegeplatz auf dem Sozialamt erbetteln müssen, nur weil die Rente und das Ersparte nicht reichen. Sie kennt die Ohnmacht und die Wut, wenn der Staat an das Sparbuch geht, wenn alte Leute finanziell "nackisch" gemacht werden, bis nur noch der Selbstbehalt von 5000 Euro bleibt. So viel, dass es für die Beerdigung gerade so reicht. "Und das nach teilweise 45 Arbeitsjahren", konstatiert die Awo-Chefin.
Schon jetzt zahlt der zu pflegende Senior zwischen 1200 und 1700 Euro pro Platz zu. Wird der Heimbewohner künftig noch mit 500 Euro mehr belastet, wird die 2000-Euro-Marke leicht erreicht. Summen, die der Otto-Normal-Mensch von seiner Rente nie und nimmer bestreiten wird können. Der Weg zum Sozialamt wird unausweichlich. Aktuell finanzierten schon 70 Prozent der Heimbewohner ihre Pflege vom Sozialamt. Eine Folge von zu hohen Kosten könnte sein, dass nicht mehr so viele Pflegebedürftige ins Heim gehen, mutmaßt Katrin Schmidt. Sie glaubt, dass die Branche neue Pflegemodelle finden muss - etwa die Pflege zu Hause unter Anleitung von Fachkräften.
Der Kampf in der Pflege wird auf mehreren Ebenen ausgefochten. Auch das Personal sei knapp. "Noch kommen wir mit den Pflegekräften ganz gut hin. Aber wir brauchen länger, um eine Arbeitsstelle neu zu besetzen, rund 140 Tage", so Schmidt. Das ist anstrengend und erfordert Fantasie und neue Ideen. Etwa jene, aus Fernost junge Pflegekräfte zu holen. Drei Vietnamesinnen werden in der Awo seit einigen Monaten ausgebildet. Andere Wohlfahrtsverbände tun es der Awo gleich.