In den Fängen ritueller Gewalttäter

Die Helfer berichten von unvorstellbarer Gewalt, vor allem gegen Kinder. Für Opfer von Ritueller Gewalt gibt es in Sachsen nur wenige Anlaufstellen. Ihr Leiden ist kaum bekannt. Das soll sich nun ändern.

Von Katrin Mädler

Wenig Hilfe oder Verständnis: Nach vier Jahren Arbeit mit speziellen Gewaltopfern beklagt der Verein Karo Plauen fehlende Aufklärung und kaum Therapieangebote. Die sogenannte Rituelle Gewalt dringe trotz anhaltend hoher Opferzahl kaum ins öffentliche Bewusstsein, erklärt Karo-Mitarbeiterin Anne Ditscherlein. "Dies betrifft auch Behörden oder medizinische Einrichtungen, die mit dem Thema bisher kaum Berührung hatten." Bei der Rituellen Gewalt würden Opfer systematisch und planmäßig mit wiederkehrenden rituellen Handlungen gequält. "Das geschieht oft seit frühester Kindheit." Rund 150 Beratungsgespräche verzeichne der Verein im Jahr. Betroffene schilderten extreme körperliche, seelische und sexuelle Gewalt.
Als großes Tabuthema bezeichnet Julia Schellong vom Dresdner Uniklinikum Carl Gustav Carus das Thema der Rituellen Gewalt. "Mehr Aufklärung liegt uns sehr am Herzen", sagt die Oberärztin der Abteilung Psychotraumatologie. Die Betroffenen entwickelten schwerste psychische Störungen und könnten sich oft erst im Erwachsenenalter dem verdrängten Erlebten stellen. Die Erinnerung käme durch die traumatischen Erfahrungen oft nur unvollständig zurück. "Deshalb können Polizei und Justiz die Täter selten zur Rechenschaft ziehen, was für die Opfer sehr belastend ist."
Nur durch ein enges Netz an spezialisierten Therapeuten und Hilfsangeboten, über ganz Sachsen verteilt, könne diesen Menschen zukünftig besser geholfen werden, findet Schellong. Karo leiste hier laut der Ärztin Pionierarbeit. "Wir arbeiten direkt zusammen, Vereinsmitglieder kommen zu Patienten-Gesprächen in unsere Klinik." Der Verein helfe bei Alltagsschwierigkeiten oder bei der Suche nach einem neuen Lebensumfeld. Seit 1994 engagiert sich KARO gegen Zwangsprostitution, Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung von Kindern.
Durch Spenden und Förderungen durch die Initiative Aktion Mensch war es laut Anne Ditscherlein seit 2016 möglich, sich dem speziellen Gebiet der Rituellen Gewalt zu widmen und in Sachsen die einzige Direktberatung für Opfer anzubieten. "Viele Betroffene berichten von großen Schwierigkeiten, überhaupt Hilfe zu finden", so Ditscherlein. Mehr Zusammenarbeit und Aufklärung von Sozialarbeitern, Therapeuten und Behörden und regelmäßige Aufklärungsveranstaltungen seien die nächsten Ziele. Kindern gut zuhören, rät Julia Schellong. "Viele Opfer sagen, sie hätten versucht, sich jemanden anzuvertrauen. Aber sie wurden nicht ernst genommen."
Von einem großen Dunkelfeld bei dem Thema Rituelle Gewalt spricht Dorothée Marth vom Sächsischen Justizministerium, Referat Sexuelle und Häusliche Gewalt. "Wir wissen, es gibt diese Fälle, aber es fehlen verlässliche Zahlen." Eine Erfassung in einer polizeilichen Kriminalstatistik gebe es nicht, es blieben nur Schätzungen. Eher betroffen seien isolierte, sektenartige Gesellschaftsgruppen. "Aber es fehlen valide Daten", so Marth. Lückenhafte Erinnerungen, ein gespaltenes Verhältnis zu den Tätern und Angst machen es den Opfern laut Julia Schellong meist unmöglich, die Täter vor Gericht zu bringen. Selbstverletzungen und Suizidversuche seien bei den Betroffenen häufig.
Laut Anne Ditscherlein provozierten die Tätergruppen oftmals ganz bewusst die Persönlichkeitsstörung der Opfer. "Das Vergessen ist eine Schutzreaktion, um die Gewalt überhaupt aushalten zu können. Die Kinder werden gezielt darauf manipuliert." Die Täter kämen aus satanistischen, faschistischen oder christlichen Gruppen, ebenso aus dem Verwandten- oder Bekanntenkreis. Ein religiöser oder ideologischer Hintergrund sei oftmals zu beobachten, aber nicht zwingend, ebenso die Herstellung von Kinderpornografie. Durchschnittlich beginne der Missbrauch ab dem dritten Lebensjahr.
Laut dem Berliner Arbeitsstab des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs betreibt Karo eine der wenigen spezialisierten Fachberatungsstellen zu dem Thema Rituelle Gewalt und lasse dies auch öffentlich erkennen. "Das ist wichtig, denn es gibt nur wenige Beratungsstellen für Menschen, die Organisierte und Ritualisierte Gewalt erfahren haben und noch weniger, die dies öffentlich sichtbar machen", sagt Pressesprecherin Friederike Beck. Hilfe für betroffene Menschen gebe es in Deutschland viel zu wenig, ergänzt sie.
Laut Julia Schellong seien die Opfer größtenteils Frauen. "Wir haben aber auch Männer auf unserer Station." Bis zu zehn Betroffene von Ritueller Gewalt lassen sich pro Jahr im Dresdner Uniklinikum stationär über eine längere Zeit behandeln. "Im Vergleich zu anderen Gewaltformen ist das wenig. Aber die schweren Folgestörungen der Patienten machen die Behandlung sehr anspruchsvoll", so Schellong.
"In den 1990er Jahren gab es eine sehr aktive Satanisten-Szene in Sachsen. Wir haben Patientinnen mit entsprechenden Berichten. Andere sind in ländlichen Regionen aufgewachsen, wo eine feste Gruppe für die Gewalt verantwortlich war", so die Ärztin.
Aktuellen Verschwörungstheorien über einen weltweiten Pädophilen-Ring widerspricht Julia Schellong: "Es gibt einfach keine einheitliche Tätergruppe." Das deutschlandweite Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" stehe mit geschulten Mitarbeitern zur Verfügung.