Immer wieder Dezember

Reichenbach - Die Verletzungen sind tief, die das Schicksal in die Seele von Susanne Schädlich geschlagen hat. Die Narben bleiben - für immer. Sie ist die Tochter des in Reichenbach geborenen, bekannten Schriftstellers Hans Joachim Schädlich.

 

Am Mittwoch saß die Übersetzerin und Autorin in der Vogtländischen Buchhandlung in der Geburtsstadt ihres Vaters. Vor ihr lag ihr jüngstes Buch "Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich". Einige der Zuhörer kennen sie, kennen ihren Vater, kennen das Schicksal der Familie, das irrwitzigerweise immer im Dezember die Lebensbahnen ins Schlingern brachte.

Dezember 1977. Susanne Schädlich ist zwölf Jahre alt, als ihre Familie von Ostberlin in den Westen übersiedelt. Die Unterschrift des Vaters unter die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, die Treffen mit westdeutschen Autoren, das im anderen Teil Deutschlands veröffentlichte Buch, all das lenkte die Aufmerksamkeit der Stasi auf die Eltern und drohte, der Familie die Luft zum Atmen zu nehmen.

Doch im Westen angekommen, fällt es besonders Susanne schwer, sich zurechtzufinden. Im Kopf sind die zurückgelassenen Freunde, die gewohnte Umgebung - und der geliebte Onkel, der eloquente Historiker. Zu ihm hält sie weiter engen Kontakt. Er ist wie ein zweiter Vater. Und er rät ihr, als sie nach dem Abitur 1984 eine Lehrstelle als Schneiderin sucht, weil sie Bühnenbildnerin werden will, sich hilfesuchend an den Ostberliner Oberbürgermeister zu wenden. Die Einladung, die folgt, führt direkt in die Arme der DDR-Staatssicherheit.

 

Als sie sich weigert, in den Arbeiter- und Bauernstaat zurückzukehren, wird ihr die Einreiseerlaubnis entzogen, die letzte Verbindung gekappt. Doch die ganze Wahrheit findet sich erst Jahre später, in sechs Bänden Stasiakten. Ihr Onkel, der Historiker Karlheinz Schädlich, war IM "Schäfer", ein Wolf im Schafspelz. Dezember 1989, der Onkel wird vom Stasidienst "entpflichtet". Dezember 2006, IM "Schäfer" wird medienwirksam als der Spitzel enttarnt, der auf Günter Grass angesetzt war. Dezember 2007, der Onkel erschießt sich auf einer Parkbank mitten in Berlin.

Susanne Schädlich schreibt zu diesem Zeitpunkt bereits die Geschichte auf. "Das sind alles Geschichten, die erzählt werden müssen, damit man beteiligt bleibt", notiert sie. In Reichenbach liest sie Passagen, die die Tage vor der Ausreise, das physische Ankommen im Westen beschreiben, die von den Begegnungen mit dem Onkel berichten, zwischen der Prosa Zitate aus Stasidokumenten. Ein Buch, das sich gegen die Verniedlichung der Verhältnisse in der "kleinen Republik" wendet.

Sie hat das Buch geschrieben für sich, wohl damit die Narben, die ihr das Schicksal in die Seele schlug, nicht stetig neu aufreißen, und für uns, damit es hilft, endlich ankommen zu können in dem einen, neuen Deutschland. K. Schaarschmidt