Im Schatten der Anden

Die Filmproduzenten Annett und Michael Rischer aus Pausa sind zurück aus Südamerika. Was sie in Bolivien erlebt haben, ruft Kopfschütteln hervor.

Von Jochen Pohlink

Pausa -  "Im Auftrag der Global Social-Stiftung von Weltumradler Axel Brümmer weilten Rischers 14 Tage zu Dreharbeiten in Bolivien. "Was wir erleben mussten, zeigte uns die Schattenseiten des Andenstaates", berichtet Rischer. 
Er und seine Frau haben einen Film gedreht über die Reise von 13 deutschen Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, denen unter Leitung von Brümmer hautnah die Situation bolivianischer der Straßenkinder zu zeigen. Ziel der Reise war Santa Cruz de la Sierra, eine Stadt mit mehr als anderthalb Millionen Einwohnern.
Zahllose tiefe Kanäle durchziehen die am Rande der Stadt gelegenen Viertel, in denen die Straßenkinder hausen. Die Kleinsten haben das Schulalter noch nicht erreicht und die Ältesten mögen fast erwachsen sein. Es herrscht das Gesetz der Straße, das Gesetz des Stärkeren. "Wir haben zehnjährige Prostituierte gesehen und elfjährige Hochschwangere. Achtjährige verdingen sich als Wachposten und 16-Jährige patrouillieren bewaffnet als Bosse der Hierarchie in ihrem Gebiet. Bei unseren Filmaufnahmen war ständig Wachsamkeit gefragt, um nicht plötzlich in den Lauf einer Pistole zu blicken. Das Elend kennt keine Grenzen: Fast alle Kinder schnüffeln ständig an ihren Leimtüten. Drogen sind der Alltag und wenn es mal einen echten Tropenguss gibt, wird in den Kanälen innerhalb von Minuten alles weggespült. Den Opfern weint niemand eine Träne nach." 
Die Situation verschärft sich mit Einbruch der Dunkelheit und die Polizei empfiehlt, spätestens ab Mitternacht rote Ampeln zu missachten, weil der kurze Stopp ausreicht, um Opfer eines Überfalls zu werden. Rücksichtslos wird von der Schusswaffe Gebrauch gemacht, wenn es sich für den Schützen lohnen könnte.
Ein Höhepunkt des Aufenthalts war der Besuch der Gefangenenstadt Palmasola, zehn 10 Kilometer südlich des Zentrums von Santa Cruz. Rischer: Von doppelten hohen Mauern und Stacheldraht umgeben "wohnen" mehr als 5000 Gefangene sich selbst überlassen zum großen Teil mit ihren Frauen und Kindern bis sechs Jahre in der Einrichtung, die von außen bewacht wird. Neuankömmlinge müssen sich einkaufen, um überhaupt einen Schlafplatz zu bekommen. In der Stadt gibt es Restaurants, Fitnessstudios, Friseurgeschäft und einen Fußballplatz, die von Insassen betrieben werden. 
Natürlich gibt es auch Souvenirs zu kaufen, die aus einfachen Materialien gefertigt sind. "Uns stach ein Auto ins Auge, welches wir erwarben. Nicht ahnend, dass es uns beim Rückflug echte Probleme machen würde, weil es sich nicht vollständig durchleuchten ließ", erzählt Rischer weiter. Alles was bezahlt werden kann, wird eingeschleust. Die Versorgung mittelloser Insassen erfolgt mit gekochten Schlacht- und Lebensmittelabfällen. Die Disziplin wird durch die regierenden Bandenbosse über die "Disziplina" - einer Truppe von Gewaltverbrechern - aufrechterhalten.
Die Reise dürfte für die Jugendlichen ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein, einmal die Realität totaler Armut selbst in Augenschein zu nehmen. Jeder von ihnen hatte 35 Kilogramm Hilfsgüter mit auf die Reise genommen und als Höhepunkt wurden gemeinsam mit Waisenkindern Bäume gepflanzt, die an ihren Besuch erinnern sollen.