Im Halbmond-Labyrinth

Die Legislatur des Oelsnitzer Stadtrats geht zu Ende. Gegen Schluss erfüllte OB Mario Horn den Räten einen Wunsch - eine geführte Tour durch die gesperrte Industriebrache.

Von Renate Wöllner

Oelsnitz -  Dabei war Horn am späten Mittwochnachmittag nicht. Auf die Abgeordneten, die zahlreich eingangs der C.-W.-Koch-Straße erschienen waren, hatte Stadtbaumeisterin Kerstin Zollfrank ein wachsames Auge, dass auch niemand zurück blieb im Labyrinth der Hallen, Lichthöfe und Gänge im alten Halbmond-Werk. Dessen Abriss und Neuerschließung als Gewerbegebiet hat der Stadtrat mit mehreren Planungsaufträgen in die Wege geleitet. Diplomingenieur Thomas Wild von der Plauener M&S Umweltprojekt GmbH übernahm die Führung. Seine Firma hatte im März den Zuschlag für das Gutachten zur Untersuchung des Baugrundes und der Bausubstanz erhalten. Doch schon seit Januar treibe er sich in dem Areal herum, erzählte Wild. "Er weiß, wohin man treten soll und wohin nicht", erklärte Zollfrank. "Eine Runde, die nicht extrem gefährlich ist", versprach der Ingenieur und empfahl: "Zusammenbleiben". Der Abriss der Industriebrache sei das größte je von seiner Firma bewältigte Vorhaben. 
Von dem 4,6 Hektar großen Fabrikgelände sind 2,6 Hektar mit Gebäuden bebaut, dazu kommen weitere 1,5 Hektar versiegelte Fläche. Zwei Werks-Komplexe treffen aufeinander, die in der frühen DDR vereinigt wurden - Koch und Tefzet. Hier ziegelsichtig, dort verputzt unterscheiden sich die Gebäude deutlich. Wild hebt ein nicht unwesentliches Kuriosum hervor. Einzelne Bauten sind immer wieder erweitert worden. So habe man an dem Gebäude, das 2006 zur Brandruine wurde, 25 einzeln angebaute Gebäudeteile aus verschiedenen Zeiten gefunden, "in verschiedenem Material und Bauzustand, die gesondert abgebrochen und entsorgt werden müssen". 
Der Rundgang beginnt im zugewachsenen Hof der Tefzet mit der desolaten Shedhalle. Eingebrochen sind die Decken im turmartigen Schacht des Aufzugs, der zum Elsterhochbau gehört. Wild eskortiert die Besucher zum Hauptgebäude von Koch, wo die Werksstraße begann, die einst über das gesamte Gelände bis zur Brückenstraße führte. Die Fenstergitter mit dem typischen Halbmond-Stern im Erdgeschoss sind verschwunden - aus der Verankerung gerissen - die Tat von Metalldieben? Ein Sidekick ins Archiv: Das Dunkel birgt eine riesige Sammlung Aktenordner - unbekannt ist, welche Datenschätze demnächst im Abriss-Schutt verschwinden. Doch das Dresdner Staatsarchiv habe hier bereits in den 90er Jahren Dokumente geborgen, berichtet Wild. Oben unterm Dach weitere Aktenberge, unter denen sich schwankende Deckenbretter verbergen. Auf einer Etage zu sichten ist ein Tresor - nähern will man sich ihm nicht. Die Decke darüber ist bereits auf dem Weg nach unten. Hier hat's gebrannt. 
Die Galerie von ambitionierten Spray-Bildern zeigt, dass es über die Jahre auch Kreative zu ausgiebigem Tun in die Ruinen zog. Große Mauerflächen, Nischen und Vorsprünge sind wie geschaffen für lustige, skurrile oder schaurige Grafitti unterschiedlichen Stils. Eine Generation Sprayer löste offenbar die andere ab. Im schummrigen Dämmerlicht vorbei an den bunten Bildern taucht die Front geborstener Fenster der ehemaligen Metallwerkstatt auf. "Rationalisierungsmittelbau" wurde hier zu DDR-Zeiten betrieben. Im zweiten Weltkrieg arbeiteten die Heinkel-Flugzeugwerke in der Halle, wie der Historiker Gerd Naumann herausgefunden hat. Die ummantelten und verputzten Metallstützen stammen aus dieser Zeit. Wegen der herabhängenden Deckenplatten aus Asbest-Material will Wild den Raum nicht mehr betreten. Eine manuelle Demontage sei nicht möglich. Hier könne der Bagger die Mauern nur noch zusammenschieben. Entsorgt werden müsse der Schutt auf einer Sondermüll-Deponie. Mit am besten erhalten ist das gegenüberliegende Gebäude "T", in das nicht ohne Grund nach der Wende kurzzeitig der EZO-Möbelmarkt zog - das Dach ist noch weitgehend dicht. "Hier war der Speisesaal", erinnert sich Joachim Weigelt, der bis 1989 als Technischer Leiter der Halbmond gearbeitet hatte. 
Ist in den Gebäuden noch etwas Bewahrenswertes zu finden? "Das sollte alles sobald wie möglich weg", meinte Wild. Einen Fund übergibt er Stadtrat Christoph Apitz. "Geschäftsbericht 1973" ist auf der gebundenen Kladde zu lesen. Ungeachtet der "Vertraulichen Verschlusssache" will Apitz daraus beim abendlichen Abschlusstreffen des Stadtrats im "Lokalfilet" vorlesen.