Im Auto durch die Nacht

Weniger Landärzte, mehr Bedürftige: Es muss sich was ändern in der Medizin - und am schnellsten beim Bereitschaftsdienst im Vogtland. Doch die Pläne rufen Unruhe hervor: Die Ärzte fürchten Einbußen - bei allen Beteiligten.

Plauen - Es rumort unter den vogtländischen Ärzten, die nicht an Krankenhäusern arbeiten: Ende 2020 soll die Reform des Bereitschaftsdienstes im Vogtland greifen: "Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KV) sieht vor, dass in bestimmten Zeiten nur ein Arzt für den ganzen Kreis zuständig ist. In der Pilotregion Erzgebirgskreis ist das bereits so", sagt Allgemeinmediziner Dr. Udo Junker, der als Hausarzt in Plauen und Theuma praktiziert.
Schlimm ist nach seinen Worten, dass die Ärzte kein Mitspracherecht haben. "Wir sind Befehlsempfänger der KV."
Die Ärzte würden laut Junker das Vogtland am liebsten in drei oder vier Gebiete einteilen - und dort Bereitschaftsdienst tun. Konkretes könnte man jedoch nur festlegen, wenn die Ärzte selbst ein Konzept erstellen, in Zusammenarbeit mit der KV und deren Daten. "Theoretisch gibt es diese Chance, weil nach einer Testphase im Erzgebirge Änderungen möglich sein sollen. Doch die Erfahrung lehrt, dass die KV und deren Chef kaum ihre Meinung ändern."
Junker schildert, welche Pläne die KV habe: Bisher war der Vogtlandkreis aufgeteilt in sieben Bereiche - in jedem gab es einen Bereitschaftsdienst für die Nacht und an Wochenenden. Doch es wird immer schwerer, diese Dienste zu besetzen: Im Oberen Vogtland ist der Ärztemangel besonders dramatisch. Deshalb soll es nur noch einen Bereich geben - mit erheblicher Ausdehnung: 75 Kilometer Fahrt von Neumark bis an die tschechische Grenze hinter Bad Brambach und 65 Kilometer von Mühltroff bis Klingenthal.
Wie Junker berichtet, sollen wochentags drei Ärzte den Bereitschaftsdienst bis 24 Uhr übernehmen, sonn- und feiertags bis 19 Uhr. "Danach gibt es nur noch einen Bereitschaftsarzt. Das bedeutet: Wir Ärzte haben weniger Dienste - aber viel anstrengendere. Und am Tag vorher wie am nächsten Tag müssen wir in unserer eigenen Praxis arbeiten."
Das Problem wird nach seinen Angaben nicht gelindert durch ein Dienstauto samt Fahrer - "für das wir bezahlen sollen". Es könnte passieren, dass der Bereitschaftsarzt die halbe Nacht im Auto sitzt und sich die wenigste Zeit um Patienten kümmert. "Der Zwang zum Fahrdienst mit Chauffeur - von der Garage zum Abholort bis zum Patienten und zurück - kann nie wirtschaftlich sein. Leerfahrten belasten zusätzlich Umwelt und Kosten."
Nach Angaben Junkers hält es die KV für unwahrscheinlich, dass ein Bereitschaftsdienst die ganze Nacht durch die Gegend fährt; das komme nur einmal vor in einem Ärzteleben. "Dabei wissen wir aus der Pilotregion Erzgebirge, dass solche Dienste regelmäßig stattfinden. Doch wer soll das schaffen: Für 6 Patienten die ganze Nacht unterwegs in der Nacht und 30 Patienten oder mehr am nächsten Tag? Ich werde meine eigene Praxis für einen Tag zusperren müssen."
Zudem würden die Ansprüche der Patienten steigen: Nicht wenige forderten Hausbesuche wegen Bagatell-Erkrankungen.
Was sagt die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen zu der Kritik? In der Antwort auf Anfrage des Vogtland-Anzeigers heißt es: Die Bereitschaftsdienstreform sei umfangreich diskutiert worden; am 18. Oktober 2017 beschlossen startete die Reform am 2. Juli 2018 in Pilotregionen.
Die Ärzteschaft wurde über den Stand informiert - in Plauen am 5. September 2018 durch den KV-Vorstandsvorsitzenden Dr. Klaus Heckemann, durch schriftliche Mitteilungen, bei Treffen mit den Dienstplangestaltern. Im Vogtland wird die Reform zum 1. Oktober 2020 umgesetzt. In Plauen werde eine Bereitschaftsdienstpraxis eingerichtet. "Zur Einrichtung einer weiteren Bereitschaftsdienstpraxis wurde noch keine abschließende Entscheidung gefällt."
Der Vogtlandkreis werde für den Fahrdienst in Stoßzeiten in "kleinere virtuelle Fahrdienstgebiete" unterteilt. Bei der räumlichen Aufteilung werde die Ärztezahl und die Dienstfrequenz sowie die Zahl der zu versorgenden Einwohner berücksichtigt. Die Öffnungszeiten und Fahrdienstzeiten erfolgten bedarfsorientiert. Auch wirtschaftliche Erwägungen spielen demnach eine Rolle.
In der Regel ist das Patientenaufkommen für Hausbesuche bis 24 Uhr am höchsten, sodass für die Zeit zwischen 0 und 7 Uhr weniger Kapazitäten geplant werden. In der Pilotregion Annaberg/Mittlerer Erzgebirgskreis seien die beiden Bereitschaftsdienstpraxen mittwochs und freitags, 14 bis 19 Uhr, sowie an den Wochenenden/Feiertagen/Brückentagen, 9 bis 19 Uhr, geöffnet.
Der Fahrdienst ist von 19 Uhr (montags, dienstags, donnerstags) bzw. 14 Uhr (mittwochs und freitags) bis 7 Uhr des Folgetages unterwegs. An Wochenenden/Feiertagen/Brückentagen steht der Fahrdienst ganztags zur Verfügung. ufa
https://www.kvs-sachsen.de/mitglieder/kvs-mitteilungen/2019/

Ein Beispiel aus der Not:

Ein Beispiel, wie es ab Ende 2020 im Vogtlandkreis werden könnte:
Ein Mann, 60, aus Klingenthal klagt 23.30 Uhr über heftige Magenschmerzen - und ruft die Nummer des zentralen Bereitschaftsdienstes an: 116 117. (Der Ruf erreicht nicht mehr die Zentrale des Südwestsächsischen Rettungszweckverbandes in Zwickau sondern geht ein in einer von der KV, der Kassenärztlichen Vereinigung, eingerichteten neuen Zentrale bei Leipzig.)
Dort (bei Leipzig) muss ein Arzt entscheiden: Soll der Patient Tabletten nehmen, den Bauch kühlen - und morgen zu seinem Hausarzt gehen?
Soll der Patient sich nach Plauen fahren lassen, wo am Helios-Klinikum eine so genannte Portalpraxis eingerichtet ist, die ihn behandelt? (Bitte beachten: Die Portalpraxis ist nicht zu verwechseln mit der Notfallambulanz an den meisten Krankenhäusern. Auch sie ist von den niedergelassenen Ärzten zu besetzen, die dafür zum Beispiel aus Pausa, Neumark oder Bad Brambach anreisen müssen.)
Soll der "Leipziger" Arzt den Bereitschaftsarzt des Vogtlandes vorbeischicken? (Dann könnte es passieren, dass der diensthabende Arzt aus Pausa per Fahrdienst in der Nacht quer durchs Vogtland bei 30 Zentimeter Neuschnee nach Klingenthal fährt, um den Patienten zu behandeln.)
Oder wird der Fall als so dringend eingeschätzt, dass der Rettungswagen losgeschickt wird, um in spätestens 12 Minuten beim Patienten zu sein - und danach geht's in die Notaufnahme des Krankenhauses? ufa