"Ich will Chefärztin werden"

Gute Noten nach Hause bringen und hungrig sein auf Wissen, das liegt bei den Teichs in der Familie. Lilly (18) hat einen Durchschnitt von 1,0 auf dem Abi-Zeugnis stehen - genau wie vor drei Jahren Bruder Linus. Bruder und Schwester wollen Arzt werden.

Von Cornelia Henze

Reichenbach/Neumark Linus baute sein Abi 2017 am Reichenbacher Goethe-Gymnasium mit 1,0 - und Schwester Lilly hat es ihm jetzt gleich getan. Dabei geht es längst nicht mehr um die Zahl nach dem Komma, sondern um die Gesamtpunktzahl, die letztlich zu der Traumnote führte. 823 Punkte stehen auf Lillys Zeugnis, beim großen Bruder waren es nur unwesentlich mehr. Resultate, von denen viele Mitschüler nur träumen können. "Es gibt keine Geschwisterkonkurrenz zwischen uns, aber seinem großen Bruder will man auch nicht hinterher hängen", verrät Lilly. Nun lockt der Bruder aus Leipzig seine kleine Schwester an die dortige Uni, die Fakultät für Medizin. Doch die will nicht an Sachsens angesagtesten Studienhotspot, sondern die erste Wahl wäre Heidelberg. Die Ruprecht-Karls-Uni Heidelberg rangiere im internationalen Uni-Vergleich ganz vorn, hat sich Lilly Teich erkundigt. Dort studieren zu dürfen, wäre für die spätere Mediziner-Laufbahn deshalb von Vorteil. "Ich möchte später Chefärztin werden, Verantwortung tragen, Entscheidungen treffen", sagt sie bestimmt. Demnächst wird sie sich für einen Medizinstudienplatz bewerben und zur Sicherheit als Bonus noch einem Medizinertest stellen.
Aber noch trägt sie den Arztkittel nicht. Dafür hängt in ihrem Kleiderschrank das rosa Kleid für den Abi-Ball, der nun wegen Corona entfällt. "Schade", meint Lilly traurig, dass sie ihren Prinzessinnentraum in Tüll, Glitzer und Spitze nun nicht tragen wird, zu einem Anlass, der einen würdigen Schlusspunkt hinter ihre Schulzeit in Reichenbach gesetzt hätte. "Mit Rosa und Glitzer kriegt man mich immer, das wissen auch all meine Freundinnen", verrät sie lachend. Chic machen, ein langes Kleid tragen, darauf habe sich doch eigentlich jedes Mädchen gefreut, sinniert Lilly. Vielleicht wird sie das feine Kleid einmal in ihrem Dorf, in Neumark, tragen, wenn sie mit Eltern und Bruder auf das exzellente Zeugnis mit einem guten Tropfen anstößt. Das Dorf Neumark, der Ortsteil Reuth, wurde, als man in ganz Deutschland den Shutdown ausrief und die Schulen schloss, zu Lillys Lernrefugium fürs Abi. Gewählt hatte sie den Leistungskurs Mathe/Physik. Und anders, als manch andere Schüler, die den Austausch und das gemeinsame Lernen mit Mitschülern vermissten, genoss es Lilly Teich, so zu lernen, wie sie es mag. Kein zeitiges Aufstehen, um in Herrgottsfrühe den Schulbus zu erwischen. Dafür Ausschlafen, Pausen und Lernzeit selbst bestimmen. "Ich kann sehr gut allein lernen - und der Shutdown kam mir daher sehr entgegen."
Weil sie von kleinauf wusste, später mal Medizin studiern zu wollen, habe sie die ganze Schulzeit ein Ziel vor Augen gehabt. Lernen und sich Wissen anzueignen, sei für sie kein Muss. Um so mehr Bedürfnis. Auch zu Hause guckt Lilly öfter Wissenssendungen, und mit den Eltern reist sie in den Ferien um die Welt. Denn auch Reisen bildet. Auf einen Tauchkurs in Kroatien freut sich Lilly diesen Sommer am meisten - und natürlich auf einen Medizin-Studienplatz. Bekommt sie den nicht, könnte sie sich ein Jahr im Ausland oder ein freiwilliges soziales Jahr im SOS-Kinderdorf vorstellen.