"Ich bin fertig, gibt es in der Kunst nicht"

Plauen - "Einer, der nicht nur musikalisch gestalten und wirken will, sondern einer, der auch in der Lage ist, präzise Einsätze zu geben, klangliche Balance fein zu justieren und auch sonst die Qualitäten eines Amtes besitzt, das früher einmal Kapellmeister hieß." So steht es am 3. Februar im "Mannheimer Morgen".

 

Und einen Tag später befindet "Die Rheinpfalz": (Er) "ist ein Dirigent der zärtlichen Gebärden und lockeren Zeichengebung. Er hat ein ausgeprägtes Gespür für die Stile der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts." Nicht minder anerkennend äußert sich der Rezensent der "Rhein-Neckar-Zeitung" am gleichen Tag: "Das erste Konzert unter der Leitung des neuen Chefs war so etwas wie ein Modell für eine gute Zukunft des Orchesters."

  Es gibt nur Momentaufnahmen   Die nächsten Lorbeerkränze flechten für den Mann, von dem die Rede ist, lassen sich am kommenden Wochenende. Dann wird Stefan Fraas zwei Kompositionen von Franz Xaver Richter spielen, im Mannheimer Rittersaal. Seit Anfang des Jahres, als er das renommierte Amt übernahm, das Kurpfälzische Kammerorchester neben seiner Aufgaben im heimischen Vogtland zu dirigieren, pendelt er meist zwei Mal die Woche zwischen Mannheim und Plauen. 380 Kilometer, wenn er gut "durchkommt" reichlich drei Stunden Fahrtzeit. Was vermuten lässt, dass Fraas so zügig fährt wie er arbeitet. Von Stress will er nicht unbedingt sprechen, und wenn er einem so gegenübersitzt kommt man nicht umhin zuzugeben, dass gestresste Menschen eigentlich anders aussehen.

Und dennoch: Heute Abend Konzert in Reichenbach, am Freitag in Greiz, dazwischen Proben, am Wochenende besagtes Konzert in Mannheim. Ob ihm die Aufgabe fernab des Vogtlandes Spaß bereitet? Eine rhetorische, natürlich tut sie das und Fraas begründet es.

  Optimalstes Ergebnis finden   In der zur Verfügung stehenden Probezeit das optimalste Ergebnis zu finden, eine Interpretation, die für alle Beteiligten spannend ist und dem Publikum etwas rüberbringt, sei der immer wieder kehrende Reiz.

Die Arbeit eines Dirigenten vor und mit dem Orchester, die unterschiedlichen Stilistiken und Herangehensweisen - das sei stets ein fließender Prozess. "Ich bin fertig gibt es in der Kunst nicht, es gibt nur Momentaufnahmen" sagt Fraas.

Und dann die auch anderen Künstlern mit "Ost-West-Erfahrung" schon gestellte Frage: Gibt es Mentalitätsunterschiede? Beim Orchester, beim Publikum? Die gebe es, bestätigt der neue Chef der "Kurpfälzischen". Das Publikum im Osten sei deutlich jünger, was vermutlich an den seit vielen Jahren angebotenen Schülerkonzerten, dem Engagement der Musikschulen liege. Die Jahre des Nichstuns gelte es nun in den alten Ländern aufzuholen, ist sich Fraas sicher. Auch für begeisterungsfähiger hält er sein heimisches Publikum. Während man hierzulande eher der Werke und der Musik wegen ein Konzert besuche, sei an seiner neuen Wirkungsstätte auch ein Trend zur Eventkultur zu beobachten. "Sehen und gesehen werden", ließe sich das übersetzen.

  Musste auch Prügel einstecken   Worüber sich Fraas wundert und begeistert zugleich: Das immense kulturelle Angebot im Ballungsgebiet Mannheim, Mainz, Darmstadt. Natürlich sondiere man da auch mehr. Hinzu kommen Eintrittspreise von bis zu 50 Euro, die "im Osten" einfach nicht machbar sind. Wird der "Neue" in Mannheim also nur auf Händen getragen? "Ich musste auch Prügel einstecken", lächelt Fraas. "Ich habe, wie auch bei der Vogtland Philharmonie üblich, Konzerteinführungen eingeführt. Da gab sich die Presse ziemlich kritisch, denn Musik spreche ja für sich. Auf meine Frage, was dagegen spreche bekam ich die Antwort, "weil wir es so schon immer machen'". Fraas lächelt, hat er das "Argument" doch auch in der Heimat schon oft gehört. Und noch etwas hat er bemerkt: Auch in den alten Ländern werde das Geld für Kultur knapper, beginnt das Jammern darüber. "Wir müssen seit 20 Jahren mit einem geringen Budget auskommen und liefern auch Qualität ab", kontert Fraas dann.

  Mäzen im besten Wortsinne   Über die Arbeit in der "Fremde" kommt die in der Heimat nicht zu kurz. Eben hat die Vogtland Philharmonie mit Gerhard Pfuhl eine CD eingespielt. Denkwürdig aus mehreren Gründen. Der Mann, der als bester Nichtberufsmusiker der Welt gilt, hat sich einen Traum erfüllt und für "ordentlich Geld", wie Fraas freimütig einräumt, für einen Tag die Philharmonie gebucht. Gemeinsam spielte man Tschaikowski auf eine CD ein, die der Mann aus Neumark ausschließlich an Freunde zu verschenken gedenkt. "Angereist ist er mit einer 1,5 Millionen Euro teuren Geige", erzählt Fraas, der dem "Spleen" des hochkarätigen Hobbykünstlers durchaus Positives abgewinnen kann. "Er ist ein Mäzen im besten Sinne des Wortes und hat als Mitglied des Neumarker Kulturvereins zwei Konzerte von uns im dortigen Reitstadl vermittelt. Im Juni werden wir gemeinsam mit der Wagner-Koryphäe Siegfried Jerusalem in der Oberpfalz konzertieren", schaut Fraas voraus. Pfuhl habe sich übrigens ein halbes Jahr auf das Spiel mit der Vogtland Philharmonie vorbereitet und dabei auch ordentlich Gewicht verloren.

  Konzert am Gendarmenmarkt   Die Vorschau auf die nächsten Monate dann im Zeitraffer. Sinfoniekonzerte, Philharmonic Rock, Promenadenmusik, Carina Burana zur 800-Jahr-Feier in Greiz, Auftritte während der Landesgartenschau in Reichenbach, eine Filmnacht. Während die CD mit den Titeln der Anfang des Jahres in der Festhalle aufgeführten Filmnacht weggehen wie die warmen Semmeln, hat Fraas quasi nebenher neue Titel arrangiert - einer weiteren Filmnacht in der Region steht also nichts im Wege. Der Bogen spannt sich von der "Glenn-Miller-Story" aus dem Jahre 1953 bis zu "Mamma Mia" aus dem Vorjahr. Was vergessen? Die anstehenden Konzerte in Frankfurt/Main und Salzburg und dann ein Event, auf das sich auch der weitgereiste und erfolgsverwöhnte Fraas freut. Im September gastiert die Votland Philharmonie im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt. Kulturbotschafter des Vogtlands wird das Ensemble oft genannt. Ein Kulturbotschafter mit diesem Pensum hätte wahrscheinlich längst das Handtuch geworfen.