Ich bin der Meinung, dass...

… die Union zweieinhalb Wochen vor der Wahl mit dem Rücken an der Wand steht und Kanzlerkandidat Armin Laschet keine Idee hat, wie er und die Union wieder positiv in die Schlagzeilen kommen und bei den Wählern punkten könnten. In dieser Woche rutschte die Union bei Umfragen weiter ab und liegt jetzt bei unter 20 Prozent. Weniger als zehn Prozent der Befragten trauen Laschet das Kanzleramt noch zu. Diese Negativ-Stimmung bis zum Wahltermin am 26. September noch zu drehen, halten fast alle Beobachter der Berliner Politikszene für kaum mehr möglich. Zumal Laschet dem Abwärtstrend nicht wirklich etwas entgegen zu setzen hat. Auch bei seiner Rede am Dienstag im Bundestag konnte der Kandidat der Union kaum eigenen Akzente setzen. Außer Kritik an der Konkurrenz war da nicht viel: Die Grünen als klimaschutzfixierte Partei, die die Industrie und Arbeitsplätze vernichte, die SPD als verantwortungslose Schuldenmacher und Steuererhöher. Und natürlich wurde wieder das Schreckgespenst Rot-Grün-Rot gerufen. Das ist ziemlich armselig. Von einem Kandidaten, der sich um das wichtigste Amt in einem Land bewirbt, das vor großen Herausforderungen steht, ist das einfach zu wenig. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel wedelte im Parlament mit den roten Socken und gab sich in der Debatte als aggressive Wahlkämpferin. Das hat sie in 16 Jahren Kanzlerschaft noch nie getan. Die Angst vor dem Machtverlust und dem Fall in die oppositionelle Bedeutungslosigkeit muss wahrlich groß sein.
Olaf Scholz, SPD-Kandidat, Vizekanzler und Finanzminister, gab sich in der ARD-Wahlarena souverän und staatsmännisch. Es gelang ihm, eigene Fehler und schwierige Sachthemen zu umschiffen. Scholz hat Glück, dass seine Fehler in der Vergangenheit in der Öffentlichkeit kaum kommuniziert werden und dass man sie auch kaum versteht, weil es um schwierige wirtschaftliche Verhältnisse geht in so komplizierten Sachverhalten, dass sie kaum einer nachvollziehen kann: CumEx-Skandal und der Wirecard-Skandal - keiner spricht davon. Und die G20-Gipfel-Ausschreitungen, die in seiner Zeit als Hamburger Bürgermeister passierten, sind längst vergessen. Zwar sind die Umfragen im Moment für ihn und die SPD unerwartet günstig, doch Scholz, dem in anderen Situationen der Wind auch schon gehörig ins Gesicht blies, weiß, wie schnell sich die Stimmung drehen kann und die Umfragewerte wieder in den Keller rutschen. Seine Devise für die nächsten zweieinhalb Wochen ist relativ schlicht: gefährliches Terrain meiden und keine Fehler machen. Wilfried Hub