Ich bin der Meinung, dass...

… es langsam unerträglich ist, wie sich der FDP-Vorsitzende Christian Lindner im Wahlkampf aufführt. Er verteilt Noten an die Mitbewerber, rät den anderen Parteien wortgewaltig, was sie zu tun und zu lassen haben. Man könnte meinen, Lindners Partei liege bei den Umfragen weit vorne und könne sich nach der Wahl aussuchen, mit wem sie regieren möchte. Doch ganz so dramatisch ist es nicht. Die FDP steht mit einem Wert von 13 Prozent zwar ganz gut da. Die Negativ-Schlagzeilen nach der Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten in Thüringen mit Stimmen der AfD liegen lange zurück. Den Wettbewerb ums Kanzleramt werden aber CDU, SPD und Grüne unter sich ausmachen. Doch den Liberalen könnte wieder mal die Funktion des Kanzlermachers zufallen, eine Rolle, die ihr aus der alten Bundesrepublik wohlvertraut ist. In mehreren Konstellationen geht es ohne die FDP auch gar nicht. Lindner wird bei Koalitionsverhandlungen mit am Tisch sitzen. Der natürliche Partner der FDP wären die Unionsparteien - in Nordrhein-Westfalen hat Lindner zusammen mit Armin Laschet ja bereits eine schwarz-gelbe Koalition verhandelt. In Rheinland-Pfalz sind die Liberalen jedoch in einer Ampel-Koalition - also ohne die Union, nur mit SPD und Grünen. Das wäre auch im Bund möglich.
Da Christian Lindner nach der Wahl unbedingt mitregieren möchte, ist er sicherlich auch für andere Farbenspiele zu haben. Neben einer Ampel (Lindner: "SPD und Grüne stehen der Linkspartei näher als der FDP, und deshalb ist es unwahrscheinlich, dass Herr Scholz und Frau Baerbock der FDP ein attraktives Angebot unterbreiten könnten") könnte auch Jamaika wieder eine Option sein. Lindner wird nicht den gleichen Fehler wie im November 2017 machen, als er die Sondierung für ein schwarz-gelb-grünes Regierungsbündnis krachend platzen ließ. Viele nahmen dem Parteichef damals das Nein zu einer Jamaika-Koalition übel, die Partei sackte in Umfragen ab. Den Satz "es ist besser nicht zu regieren als falsch zu regieren" wird man nach dieser Wahl wohl nicht von ihm hören. Lindner weiß, dass er bei einer Regierungsbildung nicht wieder Reißaus nehmen darf. Er ist gegenüber der eigenen Partei in der Pflicht, seine FDP in eine Bundesregierung zu führen. Da ist es fast schon egal mit welchen Partnern. Für die Bürgerinnen und Bürger ist wichtig, ob Lindner, der gerne Finanzminister werden möchte, dann seine Steuerversprechen einhält. "Mit der FDP sind und bleiben Steuererhöhungen ausgeschlossen", hatte der Parteichef gesagt. Wilfried Hub