Ich bin der Meinung, dass...

… der Streik der Lokführergewerkschaft GDL in erster Linie der Selbstdarstellung ihres Vorsitzenden Claus Weselsky dient. Er will sich im Machtkampf mit der Bahn profilieren, vor allem aber auch bei den Bahnmitarbeitern im Konflikt mit der Konkurrenzgewerkschaft EVG punkten. Bei den Gesprächen über eine bessere Entlohnung war man nicht weit voneinander entfernt. Anstatt zu streiken, hätte man weiter verhandeln sollen. Der Warnstreik, der am Freitagfrüh zu Ende geht, sorgte für massive Probleme bei der Bahn. Im Fernverkehr wurden drei Viertel der Fahrten gestrichen, auch im Regionalverkehr und bei der S-Bahn mussten Fahrgäste erhebliche Einschränkungen hinnehmen. Die GDL fordert Lohnerhöhungen von rund 3,2 Prozent sowie eine Corona-Prämie von 600 Euro. Gestritten wird vor allem um die Laufzeit. Während GDL-Chef Weselsky 28 Monate durchsetzen will, schlägt die Bahn wegen der Milliardenverluste in der Pandemie vor, die Erhöhung von 3,2 Prozent auf mehrere Stufen zu verteilen bei einer Laufzeit von 40 Monaten. Der GDL-Vorsitzende hat bereits mit weiteren Arbeitsniederlegungen gedroht. Man werde mit der ersten Maßnahme nicht durchkommen, sagte Weselsky vor Gewerkschaftern: "Wir brauchen einen langen Atem."
In der Tat könnte der Ausstand lange dauern. Die hohe Streikbereitschaft zeigt, dass die Mitglieder überzeugt sind, dass Weselskys Strategie richtig ist. Es ist der GDL gelungen, ihren Mitgliedern deutlich zu machen: Wir kämpfen um unsere Existenz, wir sind das Opfer. Dafür, dass sich die beiden Bahngewerkschaften EVG und GDL so feindselig gegenüberstehen und jede die jeweils andere aus dem Unternehmen drängen will, ist auch das Bahnmanagement verantwortlich. Der Bahn ist es bisher nicht gelungen, eine größere Kooperation der beiden Gewerkschaften herbeizuführen. Beim Streik geht es vor allem um den Konflikt zwischen den beiden Arbeitnehmergruppen und weniger um einen Tarifstreit mit der Bahn. Im Konflikt mit der größeren Eisenbahner- und Verkehrsgewerkschaft EVG (185.000 Mitglieder) sieht sich die Gewerkschaft der Lokführer Deutschlands GDL (35.000 Mitglieder) im Überlebenskampf. Die GDL ist nur in 16 von 300 Bahn-Betrieben Mehrheitsgewerkschaft und darf auch nur dort Tarifverträge abschließen. Traurig, dass der seit Jahren andauernde Konflikt auf dem Rücken der Bahnkunden ausgetragen wird. 2014 dauerten die Streiks in einem ähnlichen Konflikt viele Wochen. Damals war Weselsky wegen seiner "Verhandlungstaktik" heftig kritisiert worden. Wilfried Hub