Ich bin der Meinung, dass...

… nach einer Katastrophe immer auch die Stunde der Klugscheißer schlägt. So ist es auch nach der verheerenden Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Im Internet, in Zeitungsartikeln und in Fernseh-Talkshows betonen die Experten, dass sie alles schon vorher gewusst hätten. Sie kritisieren die Regierungen im Bund und in den Ländern, das Bundesamt für den Katastrophenschutz und sogar den Deutschen Wetterdienst, der die Bevölkerung nicht ausreichend vor dem Unwetter gewarnt hätte. Sie alle seien mitverantwortlich für die vielen Toten und die enormen Sachschäden, die in der Eifel, an der Erft und im Ahrtal zu beklagen waren. Bei Markus Lanz stritten sich die Fachleute am Dienstagabend, ob das die Folgen des Klimawandels waren oder "nur"eine extreme Wetterlage, wie sie eben alle paar hundert Jahre vorkommen kann. Vermutlich ist beides ist richtig. Natürlich gibt es Versäumnisse in der Politik, die Klimaschutz in den letzten 20, 30 Jahren kaum beachtet hat. Erst seit ein paar Jahren tut sich hier etwas. Aber oft zu halbherzig, da die Wirtschaft nicht allzu sehr beeinträchtigt werden soll. Ja, die Warnungen vor dem Hochwasser kamen in manchen Orten zu spät oder gar nicht bei den Menschen an. Oft wurden sie auch nicht richtig ernst genommen, weil sich keiner ein Hochwasser in solche Dimensionen vorstellen konnte. Wer glaubt schon an die plötzlich nahende Flut, wenn er kein Wasser sieht?
Die Menschen sind für solche Katastrophen wenig sensibilisiert, weil die meisten noch keine erlebt haben. Bislang sind wir in Deutschland, Gott sei Dank, von großen Naturunglücken verschont geblieben. Dadurch ist die Bevölkerung aber auch weniger vorbereitet. Die Leute haben keine Angst vor Tragödien, die sie nur aus dem Fernsehen kennen. Mal ganz ehrlich, wer hat sich schon Sorgen gemacht als im September vergangenen Jahres der Warntag des Katastrophenschutzes so spektakulär fehlschlug. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) wollte in einer groß angelegten Aktion seine Warnsysteme testen - zum ersten Mal seit Ende des Kalten Krieges. Die Alarmmeldungen auf den eigens dafür entwickelten Warn-Apps kamen aber erst mit halbstündiger Verspätung an, auch die Warnung per Sirene funktionierte nicht wie geplant. Keiner war deshalb sonderlich beunruhigt. In manchen Orten wurden die Sirenen bereits abgeschafft. Der Warntag, der zum spektakulären Flop wurde, hatte nur für den Behördenleiter Konsequenzen. Er wurde entlassen. Die Menschen müssen erst wieder lernen, Warnungen richtig zu deuten und umzusetzen. Das sollte künftig eine wichtige Aufgabe des BBK sein. Zunächst müssen die Behörden aber dafür sorgen, dass die von der Politik versprochenen finanziellen Hilfen schnell vor Ort ankommen. Das beunruhigt mich, da der Staat bei ähnlichen Aufgaben schon häufig versagt hat; zuletzt in der Corona-Pandemie. Wilfried Hub