Ich bin der Meinung, dass...

… es in Deutschland schon eine gewisse Tradition hat, Naturkatastrophen für Wahlkampfzwecke zu nutzen. Ich will keinem Politiker unterstellen, dass das der einzige Grund war, sich in den vergangenen Tagen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz vor Ort ein Bild von der zerstörerischen Flut zu machen. Es ist eine der größten Naturkatastrophen seit Jahrzehnten mit schwersten Verwüstungen. Schon jetzt werden deutlich mehr Tote gezählt als beim "Jahrhunderthochwasser" 2002. Bis gestern waren es mehr als 100 Menschen, die bei den Unwettern in Westdeutschland ums Leben kamen. Und es werden immer mehr. Weil noch viele Menschen vermisst werden, ist die genaue Zahl der Opfer unbekannt. Es wird aber befürchtet, dass die Zahl weiter ansteigen wird. Die Politiker können nicht wirklich helfen, doch sie können den Menschen, die Hab und Gut verloren haben und den Angehörigen der Opfer Mut und Hoffnung geben. Und das Gefühl, dass der Staat sie in ihrer verzweifelten Lage nicht im Stich lässt. Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Landeschefs Malu Dreyer und Armin Laschet fanden in den Katastrophengebieten die richtigen Worte und sicherten schnelle Hilfen zu. Landesväter und -mütter müssen bei ihren Landeskindern sein, wenn die in Not geraten.
Die Flutkatastrophe wird auch den Wahlkampf verändern. Doch für die Spitzenkandidaten ist es eine Gratwanderung zwischen Fürsorge und skrupelloser Wahlkampfwerbung. Fingerspitzengefühl ist gefragt. Auch Helmut Schmidt als Hamburger Innensenator und Gerhard Schröder als Bundeskanzler standen bereits wie jetzt Armin Laschet knietief im Wasser. Es war im August 2002 als sich Gerhard Schröder dank Elbe-Hochwasser als Krisenkanzler profilieren konnte. Sein damaliger Herausforderer Edmund Stoiber von der CSU fand das schäbig - und verlor wohl auch deshalb kurz darauf die Bundestagswahl. Die damals neue CDU-Parteichefin Angela Merkel war lange Zeit als Kanzlerkandidatin gehandelt worden, gab im Januar 2002 aber überraschend ihre Ambitionen zugunsten Stoibers auf. Verabredet wurde das beim sogenannten Wolfratshauser Frühstück. Daran können sich gewiss noch viele erinnern. Als Kanzler in Gummistiefeln und im grünen Anorak gelang es Schröder, den halbverlorenen Wahlkampf doch noch zu gewinnen. In den verwüsteten Orten Altenahr, Schuld und Hagen wandelt Kanzlerkandidat Laschet jetzt auf Schröders Spuren. Wilfried Hub