Ich bin der Meinung, dass...

… wir auch in Deutschland vor einer sehr schwierigen Frage stehen, die in der Bevölkerung und in der Politik breit diskutiert werden sollte: Impfpflicht für bestimmte Personengruppen - ja oder nein? Man könnte auch fragen: Impfpflicht oder Freiheitsrechte? Noch sind die Politiker mehrheitlich gegen jeden Zwang beim Impfen. Doch die Ablehnung bröckelt. Frankreich und Italien sollen sie bekommen und in Griechenland gilt sie bereits. Frankreich führt eine verpflichtende Impfung für Personal im Gesundheitswesen ein. Wer sich nicht gegen das Virus impfen lässt, darf nicht mehr arbeiten. Bis Mitte September haben Angestellte in Krankenhäusern und Pflegeheimen sowie Arbeitskräfte mit Kontakt zu Risikopatienten noch Zeit, sich impfen zu lassen. Danach soll die Impfpflicht kontrolliert und Verstöße bestraft werden. Das kündigte der französische Präsident Emmanuel Macron Anfang der Woche an. Man muss kein Prophet sein, um zu erahnen, dass auch bei uns ein Impfzwang zumindest für Mitarbeiter im Gesundheitswesen kommen wird. Auch über verpflichtendes Impfen für Personal in Schulen und Kitas wird bereits nachgedacht. Die Impfbereitschaft ist derzeit gefährlich niedrig. Bislang setzt Deutschland bei den Corona-Impfungen auf Freiwilligkeit. Eine Impfpflicht, für wen auch immer, darf aber nicht von den Regierungen verfügt werden. Darüber muss im Bundestag und den Länderparlamenten diskutiert und entschieden werden.
Meiner Ansicht nach wurden aber noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um zu einer höheren Impfbereitschaft zu kommen. Nachdem die über 60-Jährigen in weiten Teilen immunisiert sind, müssen jetzt vordringlich Menschen zwischen zwölf und 30 Jahren erreicht werden. Ministerpräsident Markus Söder spricht sich dafür aus, vor Ort niederschwellige Angebote zu machen, "sozusagen Impfen to go oder Drive-In-Impfen". Dazu zählt er Impfungen für Schulabschlussklassen, an Hochschulen, für Saisonarbeiter oder in Supermärkten und der Gastronomie. Zudem sollten Kulturvereine und Moscheen eingebunden werden. Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, fordert eine intensivere Kampagne. Sie müsse alle Menschen erreichen: "Ich vermisse den TV-Spot zum Impfen vor der Tagesschau", sagte er. Ich bin auch gegen eine Einschränkung von Freiheitsrechten für Ungeimpfte. Das käme einer Impfpflicht durch die Hintertür gleich. Während Söder eine Impfpflicht aktuell ablehnt, vertrat er Anfang des Jahres wegen der "zu hohen Impfverweigerung unter Pflegekräften in Alten- und Pflegeheimen" noch eine ganz andere Meinung. Damals forderte er den Deutschen Ethikrat auf, Vorschläge zu machen, "ob und für welche Gruppen eine Impfpflicht denkbar wäre". Der Ethikrat erklärte vor einigen Tagen dazu "ganz vorsichtig", unter bestimmten Umständen könnte man über berufsbezogene, sehr eng begrenzte Impfpflichten nachdenken. Wilfried Hub