Ich bin der Meinung, dass...

… es gerade für diejenigen, die sich in der Öffentlichkeit gerne als unfehlbar und moralisch besonders integer hinstellen, sehr peinlich ist, wenn sie beim Schummeln erwischt werden. Die Grünen-Vorsitzende und Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat der Verwaltung des Bundestages Nebeneinkünfte von mehr als 25.000 Euro zu spät gemeldet. Es handelt sich um Sonderzahlungen, die sie als Bundesvorsitzende von ihrer Partei bekommen hat. Baerbock, die Fehler einräumte, bezeichnet das als "Versehen" und "blödes Versäumnis", für die politische Konkurrenz ist es eine willkommene Steilvorlage, am Image der Partei der Saubermänner und -innen zu kratzen. Vor allem die CSU reagierte empört. Generalsekretär Markus Blume sagte, es sei grotesk, dass ausgerechnet die grünen Kapitalismuskritiker ihren Vorsitzenden Erfolgsprovisionen zahlen. Es sei auch erklärungsbedürftig, dass dies "bis zur eigenen Kanzlerkandidatur von Baerbock verschleiert wurde", so Blume, der den Grünen "Scheinheiligkeit und Doppelmoral" vorwarf. Für die Partei mit hohen Ansprüchen an Transparenz und moralischer Integrität könnte das "Versäumnis" zum Problem werden. Gegenwind vom politischen Gegner gehört zum Wahlkampf. So lange die Kritik an Frau Baerbock nicht beleidigend wird, muss sie das aushalten.
Es geht um keine große Summe, das ist richtig. Es geht auch nicht um einen geheimen Deal mit Masken oder Geheimabsprachen zur Pkw-Maut, und es ist erst recht kein Spendenskandal, bei dem alle gleich von Bestechung und Befangenheit sprechen und nach dem Staatsanwalt rufen. Moralische Argumente spielen bei den Grünen immer eine große Rolle. Wer in seinen Reden Transparenz für unverzichtbar erklärt, dem hätte das nicht passieren dürfen. Das Versäumnis schwächt die Kandidatin. Denn ihr Wahlkampf lebt auch davon, korrekter zu sein als die politschen Gegner. Die Grünen haben jetzt ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wenn man andere für ihre Nebeneinkünfte kritisiert und selbst welche in nicht unbeträchtlicher Höhe einstreicht und auch noch die notwendige fristgerechte Meldung "versehentlich" versäumt, darf man sich über Kritik nicht wundern. Eine weitere Frage kommt noch dazu: Ich kann nicht nachvollziehen, warum es für Grünen-Vorsitzende einen steuerfreien Corona-Bonus gibt. Dieser ist für die Mitarbeiter gedacht, aber nicht für politische Ehrenämter. Wilfried Hub