Ich bin der Meinung, dass...

… der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer ein gutes Beispiel dafür ist, dass die Corona-Krise nicht nur die Welt verändert, sondern auch die Menschen. Der monatelange Lockdown schlägt auf die Psyche. Viele fühlen sich eingesperrt, weil sie Freunde und Bekannte nicht treffen dürfen. Lagerkoller macht sich breit. Alle sind irgendwie genervt. Manche können mit der Ausnahmesituation ganz gut umgehen, andere verhalten sich plötzlich merkwürdig. Aus bislang ganz normalen und vernünftigen Menschen werden Verschwörungstheoretiker, Querdenker und unberechenbare Wutbürger. Dass der Erreger den Charakter verändern kann, trifft auch prominente Politiker. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass der Grünen-Politiker Boris Palmer, den ich früher sehr geschätzt habe, seit Beginn der Pandemie mit immer wieder neuen Provokationen auffällig wird. Jetzt wurde es sogar den Grünen zu bunt. Sie haben gegen ihr vermutlich prominentestes Mitglied in Baden-Württemberg, gern gesehener Gast bei allen Talkshows im deutschen Fernsehen, ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet. Palmer hatte am Freitag auf Facebook mit Aussagen über Ex-Fußball-Nationalspieler Aogo einmal mehr für Empörung gesorgt. Er wiederholte einen rassistischen und obszönen Begriff aus einem Aogo zugeschriebenen Zitat und kommentierte, der Aogo sei ein "schlimmer Rassist". Später berief sich der Tübinger OB auf Ironie und verwies auf einen Facebook-Kommentar, in dem (ohne Beleg) behauptet worden war, Aogo habe für sich selbst das N-Wort benutzt. Mit dem Begriff N-Wort wird heute eine früher in Deutschland gebräuchliche rassistische Bezeichnung für Schwarze umschrieben.
Palmers Äußerung sei rassistisch und abstoßend, wetterte die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Sie reihe sich ein "in immer neue Provokationen, die Menschen ausgrenzen und verletzen". Palmer hat die politische Unterstützung der Grünen verloren. Landeschef Oliver Hildenbrand sagte zum Verfahren gegen Palmer: "Die Zeit ist reif dafür. Denn das Maß ist voll." Die Grünen hatten Palmer schon im Mai 2020 den Austritt nahegelegt und mit Ausschluss gedroht. Schon damals hatte Palmer mit provokativen Äußerungen zum Umgang mit Corona-Patienten für Empörung gesorgt. "Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären", hatte er gesagt. Die Aussage war unverschämt, zynisch und menschenverachtend. Dass Palmer manchmal übers Ziel hinausschießt, war bekannt. Doch mittlerweile handelt es sich um ganz erhebliche Entgleisungen, für die er sich schämen sollte. Gut, dass die Grünen die Konsequenzen ziehen. Die Parteispitze möchte mit Palmer nicht mehr zusammenarbeiten. Sollte er 2022 zur Wiederwahl als OB antreten, werde er keine finanzielle oder logistische Hilfe mehr erhalten. Bei einer erneuten Kandidatur oder einer anderen politischen Tätigkeit werde er nicht mehr unterstützt. Wilfried Hub