Ich bin der Meinung, dass...

… der Dienstag nicht allein der Tag der Entscheidungen in der Union war. Am Ende setzte sich Armin Laschet dank seiner Hartnäckigkeit durch. Der CDU-Chef hat sich die Kanzlerkandidatur mühsam erkämpft. Allerdings war sein Erfolg auch ein Sieg der Parteidisziplin. Der Dienstag war auch der Tag der Schönrederei. Als sei nichts gewesen, überschütteten sich die Kontrahenten gegenseitig mit Danksagungen und Komplimenten. Laschet dankte Söder für seine Unterstützung. Er lobte ihn und die CSU für den "guten und fairen Umgang". Söder versprach Laschet "ohne Groll die volle Unterstützung". Beide beschworen die Geschlossenheit. Selten gab es an einem Tag so viel Heuchelei. Für wie dumm halten die beiden die Leute und die eigenen Mitglieder eigentlich? Gegen deren Willen wurde der Kandidat durchgeboxt. Wir alle wissen, dass mit der Entscheidung die Probleme der Union nicht ausgestanden sind. Im Gegenteil. Sie beginnen erst. Es brodelt gehörig an der Basis.
Die Union bzw. ihr Vorstand hat sich bewusst gegen den Umfragekönig und den beliebteren Bewerber entschieden. Der Kandidat der Alten und Rückwärtsgewandten und des "weiter so" wurde nominiert. Das wird sich rächen. Erst im Wahlkampf, wenn vor allem die jungen Mitglieder vermutlich nicht volle Kraft voraus für den ungeliebten Kandidaten auf die Leitern steigen werden, um Plakate zu kleben. Am Wahltag könnten die Bürger der Union die Quittung dafür ausstellen, dass ihr Willen missachtet wurde. Gewiss, Stimmungen sind keine Stimmen. Doch die Umfragen, mit denen der machthungrige Markus Söder seinen Führungsanspruch immer wieder rechtfertigte, sind seit Monaten stabil. Zuletzt hielten ihn 63 Prozent aller Befragten und 84 Prozent der CDU/CSU-Anhänger für kanzlertauglich. Viele in der Union befürchten, dass Laschet sie am 26. September in die Opposition führen könnte. Dann wäre sein Erfolg im Vorstand ein Pyrrhussieg gewesen.
Es läuft gut für die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock. Sie kann entspannt zuschauen, wie die Union ihre Probleme löst bzw. nicht löst. Es ist jetzt zwar geklärt, mit wem an der Spitze sie in den (Wahl)-Kampf zieht, wofür Kandidat und Union stehen, wissen wir aber nicht. Wie soll Laschets "Jahrzehnt der Modernisierung" aussehen? Die Pandemie überwinden, ist als Aufgabe wichtig, wird als Wahlkampfziel aber wohl nicht reichen. Digitalisierung und Klimawandel sind nur Schlagworte, die erst noch mit Leben gefüllt werden müssen. SPD und Grüne, die beiden Kanzlerkandidaten-Parteien, haben ihre Wahlprogramme schon vorgestellt. Bei der CDU bislang Fehlanzeige. Um am Wettbewerb der "besten Konzepte für die Zukunft", den Laschet fordert, überhaupt teilnehmen zu können, muss die Union erst mal ihre Hausaufgaben machen. Der CDU-Chef sollte schnell ein breites Team aus Freunden und Kritikern zusammenstellen, um eigene Defizite abzumildern. Wilfried Hub