Ich bin der Meinung, dass...

… die Frage nach dem Kanzlerkandidaten der Union nicht die einzige ist, die sich in den nächsten Monaten stellt. Die Union wird einen Kandidaten küren. Vermutlich bis zum Wochenende, vielleicht auch ein paar Tage später. Bis dahin wird in den beiden christlichen Parteien noch viel Porzellan zerschlagen werden. Auch die beiden Bewerber, Armin Laschet und Markus Söder, werden nicht ohne Blessuren aus dem brutalen Machtkampf hervorgehen. Der Medienstar Söder wird nur wenig beschädigt sein, wenn er seine Kandidatur zugunsten von Laschet aufgibt. Er wird das wortgewaltig schon so darstellen, dass er auch als Verlierer am Ende als Sieger und Retter der Union dasteht. Als Chef der kleinen Schwester kann er ohne Gesichtsverlust zurück nach München gehen und weiter "König" in Bayern sein. Er hat es versucht, aber es hat eben nicht geklappt. Künstlerpech. Für den NRW-Regierungschef steht viel mehr auf dem Spiel. Wenn er, der Vorsitzende der großen Schwester CDU, sich um des lieben Friedens willen zurückzieht und den Weg für Söder freimacht, kann er sicherlich wieder in die Staatskanzlei in Düsseldorf zurückkehren. Doch die CDU kann eigentlich nicht riskieren, nach Annegret Kramp-Karrenbauer mit Laschet den nächsten Parteichef "zu verbrennen". Es bleibt spannend in der Hauptstadt. So oder so - es wird bald einen Unionskandidaten geben. Die Grünen werden ihren Bewerber bzw. ihre Bewerberin am kommenden Montag vorstellen. Ich tippe auf Annalena Baerbock.

 


Danach kann man sich schon mal erste Gedenken machen, wie es nach der Wahl im September weitergehen könnte. Von schwarz-grün oder grün-schwarz über schwarz-grün-gelb bis hin zu grün-rot-rot oder rot-rot-grün sind anders als 2017 viele Koalitionen denkbar. Es ist zu erwarten, dass sich die Sondierungs- und Koalitionsgespräche lange hinziehen werden und es viele Wochen dauern kann, bis wir eine neue Regierung haben. Nach der Wahl 2017 waren es sieben Monate. Es war die längste Regierungsbildung in der deutschen Geschichte. Viele werden sich noch an das Jamaika-Desaster erinnern. FDP-Chef Christian Lindner hatte die Sondierungsgespräche mit CDU, CSU und Grünen nach vier Wochen überraschend abgebrochen. Lindners Statement, es sei "besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren" ging in die Geschichte ein. Die SPD wollte nach der Wahlschlappe als größte Oppositionspartei in den Bundestag einziehen. Doch es kam anders, weil der Bundespräsident der SPD mangels ernsthafter Alternativen mit aller Deutlichkeit nahelegte, Gespräche mit der Union aufzunehmen. Die ungeliebte GroKo wurde fortgesetzt. Angela Merkel, die Kanzlerin bleiben wollte, regierte während der langen Findungsphase einfach weiter. Diesmal ist es etwas anders: Merkel will aufhören, freut sich auf den wohlverdienten Ruhestand. Dennoch wird sie geschäftsführend im Amt bleiben (müssen) bis eine neue Regierung steht. Egal wie lange es dauert. Wilfried Hub
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