Ich bin der Meinung, dass...

… die Pandemie vor allem einen "guten" Zweck erfüllt. Politiker können sie gut nutzen, um sich wieder ins Gespräch zu bringen, wenn sie mal ein paar Tage nicht in den Schlagzeilen waren oder - was vielleicht noch viel schlimmer ist - seit ein, zwei Tagen nicht zu Talkshows eingeladen wurden. Und da meine ich jetzt nicht mal CDU-Chef Armin Laschet und seine Forderung nach einem harten und kurzen "Brücken-Lockdown", bis mehr Menschen geimpft sind. Was auch immer er damit meinte, es bleiben zu viele Fragen offen. Bis deutlich mehr Menschen geimpft sind, das kann trotz derzeit starker Bemühungen noch lange dauern. Es ist unklar, welche Maßnahmen er sich in der "Übergangszeit" vorstellt. Allein mit Testen werden die Coronazahlen nicht besser. Doch mir geht's heute eigentlich um Gesundheitsminister Jens Spahn, der vor einigen Tagen "mehr Freiheiten für Geimpfte" versprach: Wer geimpft ist, kann ohne weiteren Test ins Geschäft oder zum Friseur. Derselbe Herr Spahn hatte sich noch vor einigen Monaten gegen "Privilegien für Geimpfte" ausgesprochen. Kanzlerin Angela Merkel und Justizministerin Christine Lambrecht sahen das auch so. Die Rede war damals von unsolidarischem Verhalten und einer Zweiklassengesellschaft, die dadurch geschaffen würde.
Dennoch ist der Vorstoß von Gesundheitsminister Spahn eine richtige Kehrtwende. Es geht nämlich nicht um Privilegien für irgendjemanden, sondern um die Rückgabe von Grundrechten. Bislang zog noch das Argument, dass Restaurants und Kinos erst wieder besucht werden dürfen, wenn nachgewiesen sei, dass Geimpfte nicht mehr ansteckend sind. Das ist mittlerweile aber der Fall. Spahn beruft sich auf neue Forschungsergebnisse. Er und viele Experten befürworten, dass Menschen mit zwei Impfungen Dinge tun dürfen, die anderen noch nicht erlaubt sind. Das lässt sich gut begründen. Die Einführung einer "Impfpflicht durch die Hintertür", wie vor allem Impf-Skeptiker und die politische Opposition in Berlin behaupten, ist es jedenfalls nicht. Dass Geimpfte andere nicht infizieren können, scheint laut Robert-Koch-Institut inzwischen "mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit festzustehen". Damit entfällt die entscheidende Bedingung, die auch der Ethikrat als Voraussetzung für neue Freiheiten genannt hatte. Sollte sich diese Erkenntnis erhärten, dann muss der Weg frei sein - nicht zu "Privilegien", sondern zur schrittweisen Rückgabe von Grundrechten, auf die wir während der Pandemie verzichten müssen. Wilfried Hub