Ich bin der Meinung, dass...

… der Stadtrat von Halle im Namensstreit für das neue Planetarium der Saalestadt eine Fehlentscheidung getroffen hat. In Halle gab es fast 40 Jahre lang ein Planetarium mit dem Namen "Sigmund Jähn". Da das alte Planetarium infolge des Saale-Hochwassers von 2013 abgerissen werden musste und man sich für einen Neubau in den Mauern des Gasometers entschied, entflammte eine hitzige Debatte zur Namensgebung und über die Rolle des hohen NVA-Offiziers in der DDR. Die Stadträte, die den 2019 verstorbenen Kosmonauten aus dem Vogtland als Namensgeber ablehnten, argumentieren mit der Verwicklung Jähns in die politische Doktrin der SED-Diktatur, die der "persönlich sympathische Kosmonaut" bis zum Schluss verteidigt habe. Am Ende der Diskussion stand ein fauler Kompromiss. Mit 28 zu 18 Stimmen entschied der Stadtrat in der vergangenen Woche, die Einrichtung künftig schlicht "Planetarium Halle (Saale)" zu nennen. Ein wichtiger Teil der gesamtdeutschen Geschichte soll offensichtlich ignoriert werden. Schließlich war Jähn der erste Deutsche im All. Die peinliche und kleingeistige Diskussion hat auch etwas zu tun mit der Anerkennung ostdeutscher Lebensleistungen. Es ist an der Zeit, Ost-Biografien den angemessenen Platz einzuräumen.
Im Vogtland ist die Sichtweise auf Jähn eine besondere. Die Vogtländer lassen über den bekanntesten Sohn der Region nichts kommen. Sie verehren ihren "Siggi". Viele kennen den Kosmonauten aus Morgenröthe-Rautenkranz persönlich und sprechen mit Stolz über den prominenten Jagdflieger ohne Allüren. Auch Westdeutsche von weit her schätzen ihn als bescheidene Persönlichkeit und außergewöhnlichen Gesprächspartner. Als Sohn eines Sägewerkarbeiters und einer Hausfrau geboren, verlor er trotz höchster Auszeichnungen vor und nach der Wende nie die Bodenhaftung. Nur beruflich schwebte er in höheren Sphären. Die Ablehnung in Halle wird ihm nicht gerecht. Ein Kompromiss wäre es gewesen, sich zu Jähn als Namengeber und dessen Lebensleistung zu bekennen, gleichzeitig aber sein Wirken in der DDR kritisch zu würdigen. Nach Jähn sind gut ein Dutzend Straßen benannt, etliche Schulen und sogar ein Asteroid trägt seinen Namen. Nur das Planetarium in Halle darf so nicht heißen. Wenn wir 30 Jahre nach der Wende solche Maßstäbe an die Lebensleistung früherer DDR-Bürger anlegen, müssten wir viele Ost-Promis ablehnen. Fast alle hatten irgendwie mit dem DDR-Regime zu tun. Doch zu den Lebensleistungen von Kati Witt, Wolfgang Stumph, Rolf Hoppe und Co. sollte sich jeder bekennen können. Wilfried Hub