Ich bin der Meinung, dass...

… die CDU ihren ersten digitalen Parteitag mit Bravour gemeistert hat. Und zwar in jeder Hinsicht. Die Abstimmungen verliefen schnell und ohne technische Pannen. Paul Ziemiak, der für die Organisation verantwortlich war, hat es gut gemacht. Es war eine transparente Wahlversammlung ohne Störungen, an der sich andere Parteien werden messen lassen müssen. Schließlich war es der erste digitale Wahl-Parteitag in Deutschland überhaupt. Chapeau! Die Partei hat es auch gut gemacht, was die Wahl ihres neuen Vorsitzenden angeht. Am Ende setzte sich Armin Laschet, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, in der Stichwahl gegen den früheren Unions-Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz durch. Laschet, der eine sehr persönliche, glänzende Bewerbungsrede hielt, will den Kurs der Mitte von Kanzlerin Angela Merkel fortsetzen und die zerrissene Partei wieder zusammenführen. Das ist in der aktuellen Lage der einzig richtige Weg. Mit seinem emotionalen Auftritt erinnerte Laschet, vermutlich bewusst, an den Politikstil einer seiner Vorgänger als NRW-Regierungschef. Johannes Rau, später Bundespräsident, wollte "versöhnen statt spalten". Mit diesem Leitmotiv, dem er sich zeit seines Lebens verschrieben hatte, gelang es Rau, Jahrzehnte erfolgreich Politik zu machen.
Merz hielt ähnlich wie beim Parteitag 2018 wieder eine eher schwache Rede. Grottenschlecht war sie zwar nicht, aber eben auch nicht so packend und so überzeugend wie Laschets Worte, die nicht nur in den Kopf, sondern auch ins Herz gingen. Merz wählte einen völlig anderen Ansatz. Er will die Lager in der Partei nicht einen, sondern möchte die Konflikte im Streit austragen, den er für fruchtbar hält. Das soll die nötigen Reformen erleichtern. Endgültig disqualifiziert hat er sich durch sein Verhalten nach der Wahl. Beleidigt gab er zu verstehen, dass er sich nicht in die Parteiarbeit einbinden lassen wolle. Dafür bot er dem neuen Vorsitzenden überraschend an, im Kabinett Merkel sofort das Wirtschaftsministerium zu übernehmen. Sein etwas schräger Wunsch stieß auf Unverständnis - auch bei seinen bisherigen Unterstützern. Zum dritten Mal brüskierte er seine Partei: 2002, als er nicht wieder zum Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gewählt wurde, verschwand er beleidigt in der Versenkung, 2018 als er bei der Vorstandswahl gegen Annegret Kramp-Karrenbauer unterlag und trotz Bitten von CDU-Mitgliedern kein Parteiamt wollte. Durch seine Reaktion am Samstag hat er sich wohl endgültig ins Abseits geschossen. Norbert Röttgen, der bei der Wahl ebenfalls unterlag, bewarb sich um einen Präsidiumssitz und wurde mit großer Mehrheit gewählt. Jens Spahns Werbeblock für Laschet kam nicht gut an. Die Aktion führte bei den Delegierten zu Irritationen. Später entschuldigte sich Spahn dafür, dass er für sein Statement die Fragestunde missbraucht hatte. Bei der Wahl für einen der Stellvertreter erhielt er das mit Abstand schlechteste Ergebnis der fünf Bewerber. Wilfried Hub