Ich bin der Meinung, dass...

… wir vorsichtig sein sollten mit der Kritik am Zustand der Demokratie in Amerika. Wir müssen uns bei diesem Thema leider auch an die eigene Nase fassen. Wenn auch in anderer Form und anderer Dimension, erinnern die Bilder vom Sturm auf das Kapitol in Washington an jene, als Rechtsextreme am 29. August 2020 in Berlin am Rande der Querdenken-Demonstration die Stufen des Reichstags besetzten. Können wir uns in Europa noch sicher fühlen, wenn sogar die älteste Demokratie Welt vor Angriffen auf ihr Parlament nicht gefeit ist? In Berlin drangen die Rechtsextremen zwar nicht in, aber doch bis zum Eingang zur Herzkammer der Demokratie vor. Die Bilder von den Gegnern der Demokratie, die sich triumphierend und Reichskriegsflaggen schwenkend auf den Stufen des Bundestags breit machten, ließen uns erschaudern. Die beiden Ereignisse sind ein Stück weit vergleichbar, will die Gesinnung ganz ähnlich ist. So sieht es auch der bekannte Rechtsextremismus-Forscher Michael Lühmann von der Uni Göttingen, der im ARD-Interview beide Ereignisse analysierte. "Der Hass und die Wut auf Medien, auf Politik, auf Demokratie, das eint ja diese Menschen. Und dann gibt es noch den Verschwörungs-ideologischen Unterbau", so der Experte.
Den Deutschen Bundestag jetzt aus Angst zu verbarrikadieren, wäre gewiss die falsche Reaktion. Es ist gut und richtig, dass das Reichstagsgelände in Berlin für jedermann zugänglich ist und man den Abgeordneten in der Kuppel sogar aufs Dach steigen kann. Solange sie nicht den parlamentarischen Betrieb stören, müssen auch Demonstrationen vor dem Reichstag grundsätzlich möglich sein. Mit einer Bannmeile wie in Bonn, der früheren Bundeshauptstadt, würde man zwar die Menschen mit uns nicht genehmen Gedankengut aussperren. Mehr aber auch nicht. Die Tendenzen zur Radikalisierung können so nicht verhindert werden. Wichtiger wäre es, sich den extremen Rechten offensiv entgegen zu stellen. Eine Aufgabe nicht nur der Institutionen wie Polizei und Verfassungsschutz, sondern auch der Gesellschaft und für jeden einzelnen von uns. Wilfried Hub