Ich bin der Meinung, dass...

… man in Berlin wirklich nicht gut mit Geld umgehen kann. Für Kopfschütteln sorgen derzeit Corona-Prämien von bis zu 600 Euro für Bundestags-Mitarbeiter. Auszubildende erhalten 200 Euro. Dieser Corona-Bonus ist als Anerkennung ihrer zusätzlichen Arbeitsbelastung während der Krise gedacht. So hat es der Ältestenrat des Bundestags beschlossen. Es wurde festgelegt, dass die Regelungen des Tarifvertrages für Beschäftigte des Bundes über eine einmalige Corona-Sonderzahlung auch auf die Mitarbeiter der Parlamentarier übertragen wird, obwohl sie formal nicht zum Öffentlichen Dienst gehören, sondern befristete Arbeitsverträge mit den einzelnen Abgeordneten haben. Unter Berufung auf ein entsprechendes Schreiben von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble an die rund 4500 Mitarbeiter der insgesamt 709 Abgeordneten berichten mehrere Zeitungen über den Corona-Bonus. Die übrigens steuerfreie Prämie erhalten die Mitarbeiter von Abgeordneten zur "Abmilderung der zusätzlichen Belastungen", heißt es in dem Beschluss wörtlich.

 


Gefordert hat einen solchen Bonus übrigens keiner. Abgeordneten-Mitarbeiter äußerten sich "überrascht, aber eher etwas befremdet als erfreut". Es sei zwar keineswegs so, dass die Abgeordnetenbüros in Zeiten des teils eingeschränkten Parlamentsbetriebes untätig gewesen seien, doch spürbare Mehrbelastungen im Vergleich zu den Vorjahren habe es eher nicht gegeben. Außerdem bestehe oft die Möglichkeit, bequem im Homeoffice zu arbeiten. "In unserem Büro überlegen wir jetzt, das Geld für einen wohltätigen Zweck zu spenden", sagte ein Mitarbeiter. "Ich fände, das Geld wäre besser bei Pflegekräften aufgehoben", meinte ein Kollege. Bis das Pflegepersonal in Krankenhäusern und Pflegeheimen und andere Angestellte in systemrelevanten Berufen im Kampf gegen Corona statt Applaus auch tatsächlich eine finanzielle Anerkennung für ihre Arbeit erreichten, war es ein langer Weg. Für die Tausenden Mitarbeiter der Abgeordneten ging das weitaus schneller und problemloser. Sie bekommen die Prämie sogar, ohne sie verlangt zu haben. Das ist peinlich, aber allenfalls moralisch zu beanstanden. In für die Bürger schwierigen Zeiten hätte man vom "hohen Haus" mehr Fingerspitzengefühl und Solidarität erwarten können. Wilfried Hub
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