Ich bin der Meinung, dass..

… jetzt nicht die Zeit ist für viele Millionen Euro teure öffentliche Bauprojekte, die keiner braucht. An Größenwahn grenzen die Pläne der Bundesregierung, das Kanzleramt in Berlin durch einen Neubau auf der anderen Seite der Spree auf 50.000 Quadratmeter zu vergrößern. Eine Verdoppelung. Das geht aus einem jetzt bekannt gewordenen Bericht des Bundesrechnungshofs hervor. Mit 25.347 Quadratmetern Nutzfläche ist das Bundeskanzleramt heute schon die größte Machtzentrale in der westlichen Welt - rund achtmal größer als das Weiße Haus, zehnmal größer als Downing Street No. 10 und dreimal größer als der elegante Élysée-Palast in Paris. Das nach der Wende in Berlin Mitte errichtete Kanzleramt, von den Berlinern liebevoll "Kanzlerwaschmaschine" oder weniger freundlich "Kohlosseum" genannt, soll für 600 Millionen Euro bis 2028 um einen angeblich "nüchternen, auf Funktionalität ausgerichteten Zweckbau" erweitert werden. Davon kann aber keine Rede sein. Es entsteht ein gigantischer Regierungspalast wie man ihn weltweit nirgendwo findet. Dazu gehört schon eine gehörige Portion Mut, in Zeiten knapper Kassen und bei einer Rekordverschuldung solch ein Projekt auf den Weg zu bringen. Doch das Bundeskabinett hat den Bau von vielen unbemerkt genau so beschlossen.
Geplant ist etwa ein 2,8 Millionen Euro teurer Kindergarten für zwölf bis 15 Kinder. Neun Wintergärten sind in Planung, die sich auf jeweils fünf Etagen erstrecken. Allein für die Verglasungen, den Sonnenschutz der Wintergärten und die Befahranlagen zur Glasreinigung werden über 14 Millionen Euro kosten. Obwohl es im alten Kanzleramt schon eine 200 Quadratmeter große, übrigens selten genutzte Kanzlerwohnung gibt, soll eine neue entstehen. Sie soll 280 Quadratmeter groß sein, obwohl die bisherige auch nicht gerade beengt war. Ich bin ja bekanntlich ein Fan von Kanzlerin Angelika Merkel. Ich bin aber sehr enttäuscht, dass ausgerechnet sie, die zu Recht als bescheiden und zurückgenommen gilt, einen solchen Prunkbau zulässt und sogar mitbeschlossen hat. Wer schon mal im Bundeskanzleramt war, etwa beim alljährlichen Tag der offenen Tür, ist beeindruckt von der Großzügigkeit des Gebäudes. Platznot sieht anders aus. Fraglich auch wie das mit dem Selbstverständnis der Parteien, insbesondere der CDU, zusammengeht. Die Parteitagsreden und Programmbeschlüsse, die uns etwas vom schlanken Staat erzählen, passen dazu jedenfalls nicht. Wilfried Hub