Ich bin der Meinung, dass...

… wir nach der Ankündigung von Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer, auf eine erneute Kandidatur bei der OB-Wahl im nächsten Jahr zu verzichten, genau so schlau sind wie vorher. Sein Verzicht, den er letzte Woche bei einem Pressegespräch nebulös formulierte, steht nämlich noch gar nicht fest. Es gibt ein scheunentorgroßes Hintertürchen. Acht oder zehn Wochen vor dem Wahltermin am 13. Juni 2021 wäre eine endgültige Entscheidung auch noch möglich, sagt er. Ein typischer "Oberdorfer". Wie vor sieben Jahren lässt er wieder alles im Ungefähren. 2014 hatte er beim Neujahrsempfang mitgeteilt, er wolle seine erneute Kandidatur öffentlich zur Diskussion stellen bevor er entscheide. Jetzt spielt er das gleiche Spiel. Er sei nicht amtsmüde, fühle sich "fit wie ein Turnschuh". Dann soll er doch wieder antreten. Kein Problem. Aber er will gebeten werden. Vermutlich möchte er mit der Sänfte ins Rathaus getragen werden. Glaubt er denn wirklich, dass nur er das kann. Es scheint ihm gut zu tun, ständig nach seiner Kandidatur gefragt zu werden. Es ist schwierig, etwas dazu zu sagen, ohne Hohn und Spott über den Betroffenen auszugießen. Ich kann es gut verstehen, dass Oberdorfer die vielen wichtigen Projekte, die in seiner bisherigen Amtszeit angeschoben wurden, zu Ende bringen will. Dann erwarte ich nach 20 Jahren Amtszeit aber eine kraftvolle und überzeugende Ankündigung einer erneuten Kandidatur und kein Wischiwaschi. Ob er wieder den Ring in die Mitte wirft, muss er schon selbst wissen. Die Plauener stimmen dann am Wahltag ab, ob sie ihn weiter als Stadtoberhaupt wollen oder vielleicht doch lieber einen anderen. Kandidaten wird es genug geben.
Unser Oberbürgermeister beweist mit seiner wachsweichen Ankündigung, genau wie vor sieben Jahren, dass er irgendetwas unseres demokratischen Systems nicht richtig verstanden hat. Die Gemeindeordnung in Sachsen sieht bei OB-Wahlen weder eine Abstimmung der Bevölkerung darüber vor, ob ein Kandidat kandidieren soll, noch eine Vorauswahl durch das amtierende Stadtoberhaupt. Der ungeheuerliche Satz "ich übergebe das Amt gerne in gute Hände ab, wenn es geeignete Bewerber gibt" kommt einer Missachtung und Beleidigung der Wähler gleich. Sie allein entscheiden mit ihrer Stimmabgabe, welche Kandidaten für das Amt geeignet sind. Was der OB da ankündigt, ist Feudalismus, in dem der Herrscher über seinen eigenen Nachfolger entscheidet. Oberdorfer sollte nächstes Jahr nach dann 21 Jahren aufhören. Er hätte dazu sagen können: Das Feld ist bestellt, ein anderer soll weitermachen und meine erfolgreiche Arbeit fortsetzen. Ein ehrenvoller Abgang wäre ihm sicher gewesen. Jeder hätte ihm Respekt gezollt. Er hätte auch ein Zeichen setzen können, dass es nicht gut ist, an seinem Sessel zu kleben. Schließlich sind Wechsel und der Austausch von Personen in der Demokratie wichtig. Lieber Herr Oberdorfer, bitte ersparen Sie uns diesmal das Schmierentheater vor dem Wahltermin. Wilfried Hub