Ich bin der Meinung, dass...

… die euphorische deutsche Vorfreude auf einen neuen US-Präsidenten namens Joe Biden ebenso verfrüht wie unangebracht ist. Und zwar aus zwei Gründen. Es ist noch lange nicht sicher, ob der 77 Jahre alte, freundliche Herr, der vor einigen Tagen auch offiziell zum Kandidaten der Demokraten nominiert wurde, in der Lage sein wird, den Amtsinhaber Donald Trump bei der Wahl am 3. November zu schlagen. Das Land ist nach wie vor gespalten - glühende Fans von Trump auf der einen Seite und Menschen, die ihn hassen, auf der anderen. Das Rennen ist offen. Auch nach Bidens guter Kandidatenrede in der Nacht zum Freitag. Es könnte sein wie vor vier Jahren. Keiner glaubte 2016 an einen Sieg von Donald Trump und am Ende war er der 45. Präsident der Vereinigten Staaten. Das Wahlsystem in den USA ist so kompliziert, dass (fast) alles möglich erscheint. Jedenfalls spiegelt das Ergebnis nicht unbedingt die tatsächliche politische Stimmung im Land wider. Und Donald Tramp, nur ein paar Jahre jünger als Biden, sollte man nicht unterschätzen. Er hat gewiss noch etliche viele Giftpfeile im Köcher. Da wird bis November noch viel schmutzige Wäsche gewaschen werden, wird Trump noch viele Lügenmärchen über Biden und Kamala Harris, die Kandidatin für die Vizepräsidentschaft, verbreiten. Seinen Anhängern wird Trump wider besseres Wissen wunderbare Zeiten versprechen. Er wird ihnen genau das sagen, was hören wollen. Sollte Biden zum Präsidenten gewählt werden, wird an der Politik Amerikas weniger anders als wir uns vielleicht erhoffen. Aber sie wird berechenbarer. Was sich mit Sicherheit ändern wird, ist der Ton, in dem die Kritik an Deutschland und Europa vorgetragen werden wird. Aber Biden wird zum Beispiel genauso auf eine Erhöhung der Militärausgaben Deutschlands pochen wie Trump. An der US-Außen- und Handelspolitik wird sich wohl wenig ändern. Biden wird für seine Politik vermutlich neue Slogans finden. Aber bei "America First" wird es bleiben.Wilfried Hub