Ich bin der Meinung, dass...

… Ministerpräsidenten Staatsmänner sein sollten, die als höchste Repräsentanten ihrer Länder ein wenig über den Dingen stehen. Man erwartet von ihnen ähnlich wie beim Bundespräsidenten, dass sie ihr Amt mit Würde führen. Das gilt auch für Bodo Ramelow, den thüringischen Regierungschef, der vor einigen Tagen im Landtag total aus der Rolle fiel. Ramelow hatte in einer hitzigen Debatte dem AfD-Abgeordneten Stefan Möller seinen Mittelfinger gezeigt - und ihn darüber hinaus mit einem Schimpfwort belegt. Ramelow hat damit eine Grenze überschritten. Das unwürdige und ungebührliche Verhalten des linken Ministerpräsidenten wurde scharf kritisiert. Auch vom eigenen Koalitionspartner. "Sie begeben sich auf das Niveau derer, die Sie beleidigt haben", schrieb ihm Thüringens SPD-Landeschef Wolfgang Tiefensee. Auslöser der Kontroverse war eine Debatte im Erfurter Landtag über die Rolle des Verfassungsschutzes und den Umgang mit Akten zum rechtsterroristischen Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Möller nannte den Verfassungsschutz eine "skandalgeneigte Behörde" und spielte auch darauf an, dass Ramelow selbst einmal (zu Unrecht) ins Visier der Verfassungsschützer geraten war: "Wer da schon alles Tolles beobachtet wurde, nicht wahr, Herr Ramelow?" Ramelow geriet in Rage, nannte Möller einen "widerlichen Drecksack" und zeiget ihm den Stinkefinger.
Ramelow gilt als Choleriker. Seine Ausraster in Talkshows ("Bodo Ramelow flippt aus") sind immer noch im Netz zu bestaunen. Mittlerweile hat er sich im Griff. Zumindest meistens. Wenn der Zorn aufsteigt, verlässt er einfach den Raum, um sich zu beruhigen. Ein zweifelhafter Ruf eilte ihm auch schon beim Amtsantritt als Regierungschef 2014 voraus. Er galt als aufbrausend, cholerisch und streitsüchtig. Ging es nicht nach seinem Kopf, wurde er in Gesprächen und Verhandlungen sehr schnell laut, aggressiv, manchmal auch frech und beleidigend, beschrieben ihn frühere Mitarbeiter und Kollegen. Sein autoritärer Führungsstil war bei seinen Mitarbeitern, vor allem bei seinen Mitarbeiterinnen, gefürchtet. Wenn irgendwie möglich, ging man ihm aus dem Weg. Nicht umsonst bekam er den nicht gerade charmanten Beinamen "Rambo". In der Parteizentrale in Berlin stellte Ramelow sich zu Beginn seiner bundespolitischen Karriere mit dem Satz vor: "Ich habe einen schlechten Ruf und nicht vor, ihn zu verbessern". Das ist alles sehr lange her. "Rambo" ist ruhiger geworden. Und seine Linkspartei-Kollegen helfen ihm dabei, nicht aus der Rolle zu fallen. Das  gelingt aber leider nicht immer. Wilfried Hub