Ich bin der Meinung, dass...

… Ministerpräsident Bodo Ramelow mit der Ankündigung, er werde in Thüringen nach Pfingsten alle Corona-Beschränkungen aufheben, vor allem sich selbst einen Bärendienst erwiesen hat. Es blieb bei seiner leichtsinnigen Ansage. Mittlerweile rudert Ramelow zurück. In Thüringen bleibt es bei der Abstandsregel und auch beim Mund-Nasen-Schutz im Öffentlichen Personen-Nahverkehr und beim Einkaufen. In Thüringen sollen die Lockerungen schrittweise aufgehoben werden. Genauso wie in allen anderen Bundesländern. Ramelows Vorstoß war der Klassiker: Ein Politiker schlägt etwas vor und geht dabei, um sich von allen anderen abzuheben, etwas weiter als seine Kollegen. Man könnte auch sagen, er lässt einen Versuchsballon steigen. Das geht manchmal gut, meistens aber nicht. Der Politiker rudert zurück und nennt seinen Vorstoß kleinlaut ein Missverständnis. Er sei falsch verstanden worden. Damit ist die Sache dann üblicherweise erledigt. Ramelow ist nicht der Typ für riskante politische Ränkespielchen. Dazu fehlt ihm das Charisma. Markus Söder, der bayerische Ministerpräsident, hat davon reichlich. Wenn er etwas sagt, hören die anderen hin. Sein Wort hat Gewicht. Mittlerweile fast mehr als das von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Söder war es auch, der mit seiner scharfen Kritik Ramelow wieder zur Vernunft brachte. Die Ankündigung sei ein "fatales Signal", sagte Söder und kündigte "Gegenmaßnahmen" an, um sein Land zu schützen. In Thüringen gibt es zwar mehrere Kreise, die keine neuen Infektionen verzeichneten. Dort liegen aber auch zwei der aktuellen "Corona-Hotspots" in Deutschland, wie etwa der Kreis Sonneberg, der direkt an Bayern grenzt. Ähnliches gilt für Sachsen. An den Vogtlandkreis grenzt der Kreis Greiz, der in den vergangenen Wochen wegen hoher Infektionszahlen sogar bundesweit in die Schlagzeilen geriet.
Ramelows Bekanntgabe, die Beschränkungen abzuschaffen, war ganz gewiss kein Missverständnis. Vielmehr wollte er sich elf Monate vor der Landtagswahl als Macher und nicht nur als Mahner in Szene setzen. Nach dem Wahldesaster im Herbst will er in Thüringen stabile Verhältnisse unter seiner Führung. Die bekommt er nur, wenn die Linke besonders gut abschneidet. Zuletzt verlor Ramelows Partei in Umfragen aber deutlich. Nach 40 Prozent im Februar liegt sie aktuell bei 34 Prozent. Der Gegner heißt AfD. Dessen Landeschef Björn Höcke hat angekündigt, dass er Ramelow vor sich hertreiben werde. Erst kürzlich nannte er ihn einen "Ministerpräsidenten der Angst". Mit seinem missglückten Vorstoß gegen die Corona-Maßnahmen wollte der Regierungschef beweisen, dass er das nicht ist. Wilfried Hub