Ich bin der Meinung, dass...

… die Bundeshauptstadt Berlin mit dem Makel leben muss, dass das kleine Plauen in der vogtländischen Provinz manchmal schneller ist. Vielleicht auch besser. In Plauen ist das Wendedenkmal längst zur Touristenattraktion und zum beliebten Treffpunkt für Einheimische und Gäste geworden. Auch zum Männertag war es Ziel vieler Familienausflüge. Am 7. Oktober 2010, genau 21 Jahre nach den ersten friedlichen Protesten in Plauen, wurde das Denkmal feierlich eingeweiht. Seitdem erinnert es an den Beginn der Friedlichen Revolution in Plauen und in der DDR. Es erinnert an tausende mutige Menschen, die am 7. Oktober 1989 auf den Straßen für Freiheit und Demokratie demonstrierten und auch daran, dass in Plauen damals der erste Sieg über die Staatsmacht der DDR errungen wurde. Darauf sind die Plauener zu Recht stolz. Und auf ihr Denkmal auch. Es wurde nach einem Entwurf errichtet, der von den Plauenern ausgewählt und mit Spenden der Bürger finanziert wurde. Die Kosten für das Denkmal lagen bei "nur" 60.000 Euro, das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin soll 20 Millionen Euro kosten. Diese Woche wurde nach jahrelangen Verzögerungen mit dem Bau begonnen.
Mit der Fertigstellung der überdimensionalen Wippe vor dem Berliner Stadtschloss wird spätestens Ende 2021 gerechnet. Frühestens, würde ich sagen. Wir wissen ja, wie lange Projekte in Berlin dauern können. Die Idee, eine riesige begehbare Schale, die sich - je nach Verteilung des Gewichts - zur einen oder zur anderen Seite neigt, ist in der Hauptstadt (natürlich) umstritten. Dass sich viele Leute jetzt schon über das Denkmal aufregen, muss aber kein Nachteil sein. Kunst ist ja immer auch ein Stück Provokation, die Leute sollen darüber nachdenken. Die Wippe, wo man nach rechts und nach links laufen kann, symbolisiert die Situation von 1989/90 eigentlich ganz gut. Das Denkmal hat bereits einen Spitznamen: "Einheitswippe". Das beweist wie populär es jetzt schon ist. Es ist höchste Zeit, dass an einer der wichtigsten historischen Momente unserer jüngeren Geschichte endlich auch in der Hauptstadt erinnert wird. Wenn man sich die aktuellen Entwicklungen anschaut, die Erfolge des Rechtspopulismus und die Terroranschläge der Rechtsextremisten, dann gibt es allen Anlass, an die friedliche Revolution vor 30 Jahren zu erinnern. Die nächsten Generationen werden lernen müssen, dass Demokratie etwas ist, was man jeden Tag verteidigen muss. Wilfried Hub