Ich bin der Meinung, dass...

… wir die Dinge beim Namen nennen müssen. Die Corona-Krise ist schrecklich und grausam. Sie trennt Kinder von ihren Großeltern, verhindert dass wir uns mit Freunden und Bekannten treffen können, setzt viele Existenzen aufs Spiel und schränkt massiv unsere Grundrechte ein. All das hat nichts mit Normalität zu tun. Auch nicht mit einer "neuen Normalität". Seit Tagen sind einige Politiker mit diesem entsetzlich unpassenden Begriff unterwegs. "Neue Normalität" klingt ja gut, geradezu positiv. Der Ausdruck verharmlost aber die nach wie vor sehr ernste Situation. Es kann doch kein Politiker wirklich meinen, dass irgendetwas "Normales" daran ist, mit einer Maske über Mund und Nase durch die Gegend zu laufen. Was soll ein Gastronom, dessen Geschäft seit vier Wochen still steht, davon halten, wenn ihm gesagt wird, dass wir in einer "neuen Normalität" leben? Er wird es als Hohn und Zynismus empfinden. Was denkt sich die alleinerziehende Mutter, die nicht weiß, wer ihre Kinder versorgt, nachdem feststeht, dass die Kitas erst mal zu bleiben? Viele Menschen haben Angst um die Gesundheit ihrer Angehörigen, sorgen sich um ihre Arbeitsplätze und um die Zukunft ihrer Kinder. Von "Normalität" sind wir jedenfalls weit entfernt.
Finanzminister Olaf Scholz und Gesundheitsminister Jens Spahn haben den neuen Ausdruck erfunden. Vermutlich ohne zu ahnen, was sie damit anrichten. Er erinnert an den ebenso abwegigen Begriff von den "alternativen Fakten" eines Donald Trump, der damit seine Lügen vertuschen wollte. Um die Menschen nicht weiter zu verunsichern, sind die Minister gut beraten, die "neue Normalität" ganz schnell wieder aus ihrem Wortschatz zu streichen. Manche könnten glauben, dass wir schon fast übern Berg sind. Zumal die angekündigten Lockerungen das auch vermuten lassen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Weitergehende Rücknahmen der Beschränkungen könnten zu einer Zunahme der Fälle führen. Die Reproduktionszahl (Ansteckungsrate) von derzeit 0,7 könnte dann ganz schnell wieder steigen. Ab einem Wert von über 1 droht die Ausbreitung wieder exponentiell zu verlaufen und damit in rasantem Tempo. Zumindest behaupten das die Virologen und Epidemiologen. Die Regierungschefs der Bundesländer sollten der Gesundheit zuliebe mit den Lockerungen sehr, sehr vorsichtig umgehen. Den Druck der Leute, die jetzt auf immer mehr Öffnung drängen, müssen sie aushalten. Für die Firmen, die auf ein Hochfahren der Wirtschaft hoffen, sollte es weitere staatliche Hilfen geben. Vor allem für die Gastronomie, wo ein Drittel der Betriebe kurz vor der Insolvenz steht. Wilfried Hub